Pippin Drysdale -
die
 "Tanami"-Serie


Porzellangefäß der australischen Künstlerin Pippin Drysdale, die Landschafts- und Farbeindrücke der Tanami-Wüste in klassischen Gefäßformen verarbeitet.


Außen schwarz, innen rot - die Spirallinien, die das Vasengefäß umziehen, erinnern an Windverwehungen im Sand, die monochrom rote Innenfläche ruft Sonnenglut oder Sonnenuntergänge ins Gedächtnis.                                                  


Komplizierte Glasuren und Jahrzehnte lange Meisterschaft sind die Voraussetzung für Gefäße von solcher Balance und Farbintensität. Die "Tanami"-Serie, hervorgegangen aus Eindrücken der Künstlerin von einer Flugreise über die australische Wüstenregion, hat unerschöpfliche Varianten hervorgebracht - hier erneut Assoziationen an Sonnenglut, an Bewegungen von  Gräsern im Wind, auch an Feuer und verkohlte Materie sowie Einwirkungen von Wasser.

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Fotos: Pippin Drysdale (Copyright) "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion

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Pippin Drysdales "Kimberley"-Serie

 

25-05-2003

Die Wüste in der Vase

Die australische Keramikkünstlerin Pippin Drysdale zeigt ihre "Tanami"-Serie 2003 bei der Galerie Heller in Frankfurt und Heidelberg

 

Von Christel Heybrock

 

Wie fängt man so etwas ein – die Unendlichkeit einer Landschaft, ihre Farben, ihre Mulden und Erhebungen, ihre Sonnenauf- und -untergänge, ja selbst die Linien, die der Wind immer neu in den Sand weht? Die australische Keramikkünstlerin Pippin Drysdale hat offenbar mit dieser Frage lange gerungen und konnte, fasziniert von der Tanami-Wüste des australischen Kontinents, doch nicht aufgeben. Das Ergebnis war im Frühjahr 2003 im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst und später in der Heidelberger Galerie Marianne Heller zu sehen, die auch die Frankfurter Schau organisierte: rund zwanzig große Gefäße von frappierend einfacher, eleganter Form, auf den ersten Blick so simpel, dass man sie kaum für etwas Besonderes in der an grellen Fanfarenstößen ja nicht armen Kunstszene halten würde, und vielleicht kann man sich ihrer ruhigen Vollkommenheit gerade deshalb kaum entziehen.

 

Die Unendlichkeit in einem Gefäß, was für ein Wagnis! Formen und Farben der Wüste, geborgen in der Poesie einer Vase! Es sind große, bis zu 50 Zentimeter hohe Stücke, die Pippin Drysdale ausgerechnet in dem schwierigen Material Porzellan auf der Töpferscheibe drehte. Allein mit diesem Arbeitsprozess dürfte sie an die Grenzen handwerklicher Möglichkeiten gestoßen sein. Bestechend dabei ist ihr radikaler Verzicht auf  Effekthascherei: Mit kleinen Variationen handelt es sich immer um die gleiche, zum Stand hin eiförmig verjüngte Zylinderform, die sich oben in einem fein abgesetzten Rand öffnet und die jeweils monochromen Farbmodulationen der Innenwände sehen lässt. Die Außenwände sind stets mit farblich kontrastierenden Querrillen versehen, und wer weiß, wie viele Blicke man im Vorbeigehen diesen Stücken gönnen würde, wären da nicht Farben wie dieses sanfte, glühende Rot, dieses erdfarbene Orange im Spiel mit dem Blau, einem Blau, wie es nur von einem heißen, trockenen Himmel herabstrahlt. Schwarz gibt es mitunter ebenso, im Kontrast mit weißen Querlinien und rotem Innenleben (Foto oben), oder ein sanftes, dunkles Grün. Die Farben würden Pippin Drysdale zur Malerin machen, wäre da nicht gleichzeitig ihr Instinkt für die haptischen Feinheiten dreidimensionaler Formen, für die kaum merklich geschwungenen Konturlinien dieser Porzellanwände, die sich so glatt und so lebendig anfühlen wie Seide.

 

Im Grunde sind diese „Vessels“ tönende Glocken, die beim Anstoßen je nach Größe just so harmonisch und rein klingen, wie sie sich auch dem Auge darbieten. Dabei waren die Arbeitsvorgänge extrem kompliziert, mussten die wunderbaren, wie von selbst entstandenen Farben in etlichen Glasurvorgängen (und dem Wissen um die Farbkräfte etwa von Feldspat, Magnesit, Bentonit und anderen Mineralen) ausgetüftelt und die stets mit Hand eingeritzten Querrillen wieder mit Farbglasuren aufgefüllt werden, damit die Wände auch außen ihre unglaubliche Sanftheit bekamen. Wer aus der Nähe hinsieht, entdeckt beispielsweise rote Wellenlinien in blauem, grünem oder gelbem Grund. Wer entfernter steht, entdeckt ein Vibrieren und „Zittern“ der schmalen, eng geführten Rillen, als würde der Wind über eine Landschaft teils verschatteter, teils besonnter Dünen hauchen – auch die Basisfarben der Außenwände sind in zunächst kaum wahrzunehmenden Farbmodulationen angelegt.

 

Alles lebt so und bleibt doch in einer meditativen Ruhe und Gelassenheit. Allein diese künstlerische Haltung, diese Selbstgewissheit und Kompromisslosigkeit ist in der schnelllebigen heutigen Kunstszene nicht hoch genug einzuschätzen. „Tanami Desert Traces“ heißt die Serie, die nur einen von zahlreichen anderen Werkkomplexen der Künstlerin darstellt. Die „Tanami“-Serie ist sicher der bisherige Höhepunkt ihrer Arbeit, von der man auch in Europa hoffentlich nicht zum letzten Mal etwas gesehen hat.

 

Info:

Galerie Marianne Heller, Heidelberg, Friedrich-Ebert-Anlage 2, bis 12. Juni 2003, Dienstag bis Samstag 11-18 Uhr, Tel. 06221-619090, CD-Rom mit den Bildern der Ausstellung 10 Euro, Informationsblatt zur Technik von Pippin Drysdale 1 Euro, www.galerie-heller.de, E-Mail: info@galerie-heller.de

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