Pippin Drysdale -
die "Kimberley"-Serie


Ein Beispiel aus der 2006 entstandenen "Kimberley"-Serie  von Porzellan-Objekten der australischen Künstlerin Pippin Drysdale. Die Serie, die in der Heidelberger Galerie Heller erstmals in Europa ausgestellt wird, wurde angeregt von einer australischen Landschaftsformation, deren dramatische Klimawechsel sich in den bis zu 50 Zentimeter hohen "Bergkegeln" aus Porzellan spiegeln. Das abgebildete Stück gehört zur Gruppe "Closed Forms - Red Dawn Rising" und erinnert mit seinen Farben an rote Sonnenaufgänge, mit den dichtgezogenen, feinen Querlinien an vibrierende Luftschichten oder Windspuren im Sand.

 


Die "Kimberley"-Porzellane in ungewohnten Pastellfarben als Gruppe kleinerer und größerer Gebirgskuppen. Die "Closed Forms" stehen hier unter dem Titel "After the Rain" und rufen mit den frischen, zarten Farben Landschaftseindrücke in oder nach der heftigen Regenzeit der Kimberley-Region hervor.

 


Auch die Serie "Tanami Traces" (Spuren der Tanami), mit der Pippin Drysdale 2003 erstmals in einer Einzelschau bei Marianne Heller vorgestellt wurde, setzte die Künstlerin jüngst fort. Die innen stets monochromen, aussen mit feinen Querlinien überzogenen "Vessels" (Vasen und Becherformen) stellte sie zu "Assemblages" zusammen, zu kleinen Gruppen aus Stücken in verschiedenen Formaten mit jeweils zueinander passenden Farben. Die türkisfarbene Innenwand der großen Vase wird in dem kleineren Stück rechts wieder aufgenommen. Die mit wirbelartigen Linien überzogene, orangefarbene Außenwand der Vase wurde dagegen variiert zur sonnengelben Innenfläche des kleinen Bechers links. Die eher pastellfarbene Grundtendenz der Gruppe schreibt sie den Stücken der Reihe "After the Rain" zu.

 


Zur "Tanami"-Serie gehören seit 2007 auch die "Craters", extrem flache Riesenschalen von mehr als 60 Zentimeter Durchmesser. Wurden sie inspiriert durch Mulden zwischen Sandbergen der australischen Tanami-Wüste? Durch Wasserflächen? In ihrer handwerklichen wie formalen Perfektion sind Pippin Drysdales Schöpfungen letztlich Meditationsobjekte.

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Fotos: Pippin Drysdale (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion

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Pippin Drysdales "Tanami"-Serie

04-12-2007

Berge, Wind und Wüste

„Lines of Site“ – die “Kimberley”-Serie und andere Landschaftsadaptionen von Pippin Drysdale bei Heller in Heidelberg

 

Von Christel Heybrock

 

Porzellan, das schwierige, keinen Fehler duldende Arbeitsmaterial ist ihr Leben. Und so einfach ihre Gefäße aussehen – so vollkommen sind sie in ihrer Klarheit, Leichtigkeit und Konzentration. In Europa ist die 1943 in Melbourne geborene Keramikkünstlerin Pippin Drysdale noch immer eine Art Geheimtipp, obwohl seit einigen Jahren die Heidelberger Galerie Marianne Heller intensiv an der Verbreitung ihrer Werke arbeitet: Marianne Heller, seit nunmehr 30 Jahren im riskanten Galeriegeschäft speziell mit Keramikkunst, hat 2003 Pippin Drysdales Serie Tanami Traces in Heidelberg wie in Frankfurt/Main ausgestellt (im Museum für Angewandte Kunst) und widmet sich zum Galerie-Jubiläum der australischen Künstlerin erneut. Die jetzige Schau ist mit rund 50 Stücken um mehr als das Doppelte umfangreicher als die Auswahl vor viereinhalb Jahren, und wer damals geglaubt hatte, eine größere Intensität und Formverdichtung in Porzellan sei schlicht undenkbar, der steht vor Pippin Drysdales neuer „Kimberley“-Serie und muss eingestehen, dass ihre Meisterschaft noch einmal auf einer ganz anderen Stufe angekommen ist.

 

 So unverwechselbar Pippin Drysdales eigene Ausdrucksmöglichkeiten sind – jeder Laie kann ihre Arbeiten sofort von denen anderer Künstler unterscheiden – so offen ist sie selbst für neue Eindrücke, neue Erfahrungen. Ungekanntes, zum ersten Mal Gesehenes sind Herausforderungen, die sie in mitunter langen, unerbittlichen Arbeitsprozessen meistert, und was ihr Schaffen allein schon in der Zielsetzung einmalig macht, ist die Tatsache, dass sie Landschaftsformen und fremde kulturelle Traditionen zum Thema macht: in Porzellangefäßen und völlig ohne plumpe Abbildlichkeit! Studienreisen und  Arbeitsaufenthalte rund um den Globus machten sie bekannt mit lokalen Traditionen zwischen Kanada und Sibirien, Italien (Faenza, Perugia) und Pakistan (Hindukusch), Neuseeland und Europa. Ihre wie Juwelen leuchtenden Becherformen der „Pakistan“-Serie beispielsweise wurden in Europa noch nie gezeigt und bergen die Farbenglut eines sonnenverwöhnten, archaischen Kulturlandes.

 

Die Serie „Tanami Traces“ geht zurück auf eine Flugreise über die australische Wüstenregion und verfolgt kein anderes Ziel, als Formen und Farben der Wüste in klassisch einfachen Porzellangefäßen zu erfassen. Die Aussenwände der teilweise überraschend großen, leicht bauchig sich öffnenden Vasen sind mit eng parallel verlaufenden Ritzlinien überzogen, Linien, wie sie der Wind in den Sand schreibt, wie sie in Gesteinsschichten sichtbar werden oder wie sie als Vibrationen von Luftschichten über heißem Boden entstehen. Während dessen beschwören die Farben vor allem der Innenwände das intensive Blau des Himmels, das Rot von Feuer und Sonnenaufgängen, an den Rändern stellenweise auch das Schwarz von Gestein und verkohlter Materie. Wer wäre je auf so eine Idee gekommen – die Endlosigkeit und die Farben der Wüste zu bannen im Gefäß!

 

Nun also hat Pippin Drysdale ihre Selbstansprüche erneut heraufgeschraubt und seit Anfang 2006 neue, radikale Formen für eine Hügel- und Gebirgslandschaft entwickelt: die „Kimberley“ in Nordwest-Australien, eine Landschaft, deren geologische Eigenart und heftige Jahreszeitenwechsel sie seit ihrer Kindheit kennt. Das Gebiet gilt mit Temperaturen von bis zu 45 Grad während der Trockenzeit von Mai bis Oktober als Hitzepol der südlichen Erdhälfte. Während der Monsunregen zwischen November und April jedoch fallen dramatische Niederschläge bei einer dauerhaften Luftfeuchtigkeit bis zu 90 Prozent. Da angesichts solcher Güsse einerseits und solcher Glut andererseits die Landschaft von Erosion geprägt wird, kann sich kaum Vegetation auf den rotbraunen Bergkuppen halten. In den Ebenen und Tälern aber wachsen Gräser mitunter bis zu zwei Meter Höhe. Dass solche Extreme eine Künstlerin wie Pippin Drysdale faszinieren, ist nur zu verständlich.

 

Die 140 Stücke, zu denen ihr „Kimberley“-Zyklus heranwuchs, wurden 2007 erstmals in der John Curtin Gallery in Perth ausgestellt, bevor eine Auswahl nach Heidelberg fand. Der Kunstexperte Ted Snell wirft im Katalog von Perth die Frage auf, welcher Impuls wohl den letzten Anstoß gab zu der eigenartigen Formfindung dieser kuppelartigen, geschlossenen Zylindergefäße, die sich jeder Verwendung entziehen. Waren es Landschaftsfotografien von Richard Woldendorp? Die Formen von Ameisenhaufen? War es die Bildsprache indigener Künstler? Snell berichtet ausführlich, wie bedeutend gerade die Kunst der Aborigines für Pippin Drysdale war und ist, wie sie in der East Kimberley die Malerin Queenie McKenzie wenige Monate vor deren Tod traf und ihr bei der Arbeit zusah, und dass Pippin Drysdales private Kunstsammlung zahlreiche indigene Werke vereint, darunter ein Zauberbild von Kitty Kantilla, einer großen Künstlerin von den Tiwi-Inseln. Die Ausstellung der Curtin Gallery gab im Foyer einen Eindruck von Drysdales Bewunderung der archaischen Eingeborenen-Kunst – darunter befand sich auch das Bild von Queenie McKenzie, dem Drysdale bei seiner Entstehung zusah und das sie später erwarb. Wie Schuppen fällt es einem von den Augen, wie sehr ihre Porzellanhügel den lang gezogenen Bergformen McKenzies ähneln und dass Pippin Drysdale von der Einfachheit und Schlüssigkeit dieses Zeichens überwältigt gewesen sein muss.

 

So fremd die hoch zivilisierte Kunst Pippin Drysdales auch der indigenen, uralten sein mag – beide haben eine erstaunliche Substanz gemeinsam: den Drang, durch zeichenhafte Verdichtungen etwas sichtbar zu machen, was nicht sichtbar sein kann, die Seele der Berge etwa, das Wesen der Wüste und der Sonnenaufgänge, oder das geheimnisvolle Wirken von Wind, Hitze, Wasser, Atmosphäre. Für die Beseeltheit dieser Phänomene gibt es in keiner europäischen Sprache die passenden Wörter, nur die Augen ahnen angesichts der „Kimberley“-Porzellane ebenso wie angesichts der archaischen Kunst der Ureinwohner, was da gemeint ist und was in der Konzentration von Formen beschworen und festgehalten wird.

 

Die Ausstellung „Lines of Site“ (Landschaftskonturen) bei Marianne Heller in Heidelberg besteht aus mehreren Gruppen und enthält außer den „Kimberley“-Arbeiten (Closed Form) erneut Stücke der „Tanami Traces“ mit den Vasen- und Pokalformen (Vessels). Beide Serien sind aber auch in sich noch einmal gegliedert, und zwar in die rötlich glasierten (Red Dawn Rising – rote Sonnenaufgänge) und in die ungewöhnlichen Pastellfarben der Reihe „After the Rain“, bei denen Pippin Drysdale alle Nuancen zwischen hellem Grau, Gelb, Rosa, Blau und Grün durchspielt. Wie frisch gewaschen und leuchtend in den ersten Sonnenstrahlen, die durch die Wolken brechen, so sehen diese Gebirgs- und Gefäßformen aus. Atmosphärische Erscheinungen wie die Feuchtigkeit der Luft und die Farben der Erde nach dem Regen glaubte man bisher ausschließlich der Malerei mit sanft verschwimmenden Farben zutrauen zu müssen – derart zarte, verwehende Eindrücke in einem so konturenfesten Material wie Porzellan einzufangen ... allein der Anspruch scheint tollkühn.

 

Erstaunlicherweise entwickelte Pippin Drysdale im Jahr 2006 auch die „Tanami“-Serie noch weiter. Sie schuf eine Reihe von „Assemblages“, zusammengehörende Gruppen kleiner und großer Becher, deren Farben und Spirallinien sich in jeder Gruppe aufeinander beziehen und die auch nur zusammen verkauft werden. Verblüffend aber sind vor allem die 2007 entstandenen, brandneuen „Craters“ (Open Form) der „Tanami“-Serie. Es handelt sich um sehr große, flache Schalen mit einer Höhe von etwa 15 Zentimeter und einem Durchmesser von bis zu 66 Zentimeter. In Grün- und Rottönen gearbeitet, suggerieren diese Stücke, ja, fast so etwas wie Kraterseen, Himmelsaugen, kreisrunde Wasserflächen, aber auch Mulden zwischen Sandhügeln. Freilich kann man sie ganz profan (etwa als Obstschalen) benutzen im Gegensatz zu den geschlossenen (auf der Unterseite nur in einem kleinen Loch geöffneten) „Kimberley“-Zylindern mit ihren weich gerundeten Kuppen. Aber im Grunde sind alle Arbeiten von Pippin Drysdale, auch die „Craters“, Meditationsobjekte, die Augen und Finger herausfordern und nicht zuletzt auch die Ohren.

 

Beim Antippen ergeben sie nämlich glockenreine Töne, die sich je nach den Proportionen der schwingenden Exemplare zu harmonischen Dreiklängen fügen. Wer das Geheimnis der Spirallinien, von denen die Kunstwerke außen überzogen sind, mit den Fingern be-greifen will, fühlt fast nichts außer einer sanften, an die menschliche Haut erinnernden Glätte. Kein Arbeitsprozess, keine Rille, keine noch so kleine Zufallsvertiefung oder Erhebung sind zu spüren, in ihrer Vollkommenheit erscheinen Pippin Drysdales Werke den neugierigen Tastorganen fast immateriell. Man möchte die Leichtigkeit, das subtile Fastschweben der Vessels erkunden, möchte mal einen Berggipfel der „Kimberley“-Serie etwas verrücken und stellt verblüfft fest, wie schwer und bodenhaftend die Stücke sind.

 

Konfrontiert mit zahlreichen Widersprüchen, die die Sinne irritieren, fällt es einem hier wie bei allen Kunstwerken von klassischer Substanz nicht leicht, überhaupt einen Zugang zu finden zum Verstehen. Man möchte in die fremden, schönen Körper eindringen, um sie sich bewusst zu machen und sie abzuklopfen auf Erfahrungen, die man aus seinem Leben mitbringt – wären da nicht die intensiven, poetischen Landschaftsbezüge, man müsste scheitern. Die engen, parallel gezogenen Linien, die mitunter in verschiedenen Winkeln aufeinander stoßen und nicht nur Spiralen, sondern auch Wirbel und fingerkuppenartige Strukturen bilden, sie werden von Pippin Drysdale in schlafwandlerischer Sicherheit in die feuchte Porzellanmasse graviert, anschließend mit Kontrastfarbe gefüllt und mit etlichen Glasuren überzogen, so dass zwar die Augen Abgrenzungen wahrnehmen, aber die Haut der Oberfläche immer geschlossen ist. So stehen diese Kunstwerke unnahbar und suggestiv zugleich vor dem Betrachter, magisch und verlockend wie aus einer anderen Welt.

 

Info:

- „Lines of Site”, Porzellan von Pippin Drysdale, Galerie Marianne Heller, 69117 Heidelberg, Friedrich-Ebert-Anlage 2, vom 25. November 2007 bis 13. Januar 2008, Dienstag bis Freitag 11-13 und 14-18 Uhr, Samstag 11-18 Uhr, Katalog der John Curtin Gallery (32 Seiten) 10 Euro,  www.galerie-heller.de, E-Mail: info@galerie-heller.de

- Homepage von Pippin Drysdale: http://www.pippindrysdale.com/

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