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Holzschneider Eugen K. Dörr (1912-1983)
 "Der Senner" von Eugen K. Dörr (1982)
Die Fotos auf dieser Seite wurden dem Band ""Zwischen Form und Traum. Holzschnitte Eugen K. Dörr" entnommen. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung von Ilse Dörr.
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Übersicht Bildende Kunst
27-02-2006
Die Welt in Birnbaumholz gegraben
Der Mannheimer Holzschneider Eugen K. Dörr (1912 –1983) hinterließ ein Oeuvre von mehr als 1000 Blättern
Von Christel Heybrock
Auf Ruhm und einen großen Namen hat er nie Wert gelegt. Statt lauten Klapperns, das angeblich zum Handwerk gehört, setzte er beharrlich und leise ein Lebenswerk in die Welt, das viel zu wenig bekannt wurde und das auch nicht das Zeug zu spektakulären postumen Auftritten hat: Mit den Holzschnitten des Mannheimers Eugen K. Dörr muss man sich ruhig und einfühlend auseinander setzen – wenn man denn eine der seltenen Gelegenheiten dazu hat. Seine Witwe, die mit großer Sorgfalt den Nachlass pflegt, sorgte auch dafür, dass die mehr als 1000 Schwarzweiß-Drucke und über 40 farbigen Linolschnitte einen Platz im Mainzer Gutenberg-Museum fanden. Dass er in seiner Vaterstadt (Dörr wurde am 21. November 1912 in Mannheim geboren und starb dort am 10. Juni 1983) zwar nicht zu den ganz großen Berühmtheiten gehört, andererseits aber auch nicht vergessen ist, zeigt die Tatsache, dass die Volksbank im Vorort Neckarau noch im Dezember 2005 eine Ausstellung mit immerhin rund 60 Exponaten organisierte.
Eugen Konstantin Dörr hat ein ruhiges, stetiges Leben in geordneten Bahnen geführt – unschätzbarer Freiraum für seine künstlerische Arbeit. Nach dem Studium der Gebrauchsgrafik 1932-1935 an der Mannheimer Freien Akademie war er zunächst als Grafiker in einem Modehaus tätig und trat 1938 in die Traktorenfirma Lanz (später John Deere) ein: Dort blieb er bis zur Pensionierung 1976, unterbrochen nur durch Kriegsdienst 1940-1942 und Verwundung. 1945 illustrierte er die nordbadische Schulfibel, später kamen Märchenbücher und Titel der Weltliteratur hinzu – Holzschnitte, die nicht mehr im Auftrag entstanden, sondern für ihn selbst, geschaffen aus einer inneren Notwendigkeit.
Seine Witwe Ilse Dörr erzählt gerne, dass ihr Mann praktisch nie ohne Skizzenbuch anzutreffen war, weder zuhause mit Gästen (man pflegte enge Kontakte zu den Künstlern des Nationaltheaters) noch auf Reisen oder kleinen Ausflügen – Eugen K. Dörr muss gezeichnet haben, wie andere Leute atmen. Dabei dienten die Skizzenbücher nur als Sammlung von Seh-Eindrücken und Notizen; sie waren nicht beabsichtigt als eigenständige spontane Kunstwerke. Vielleicht hat Dörr in seiner Spontaneität auch keinen eigenen künstlerischen Ausdruckswert gesehen, denn die eigentliche Arbeit begann später in zwei Atelierräumen im Keller seines Einfamilienhauses, wo die Ideen Endgültigkeit bekamen (und für potentielle Einbrecher immer ein 50-Mark-Schein auf dem Tisch lag, um sinnlose Zerstörungen zu verhindern). Es ist eine auch physisch nicht zu unterschätzende Tätigkeit, Bildvorstellungen meist in harte Birnenholzplatten einzugraben und anschließend in makelloser Perfektion auf weißes, kartonartiges Papier zu drucken. Man braucht Kraft und Konzentration, Sicherheit und ein Gefühl für Flächenaufteilung sowie für Ausdruckswerte dazu – spontan hätten sich Dörrs Holzschnitte nicht herstellen lassen, und missglückte Abzüge oder gar Schludrigkeiten kamen bei ihm nicht vor. Er stand niemals unter dem Diktat von Kunsthandel und Galeristen, insofern mussten die Druckstöcke auch nicht vernichtet werden, denn die Auflagen von höchstens bis zu 40 Abzügen gingen ohnehin nur an Freunde und Bekannte, falls sie überhaupt das Haus verließen.
Zwischen 1963 und 1976 hat Dörr wiederholt ausgestellt, 1963 sogar in einer Einzelschau der Mannheimer Kunsthalle. An seiner zurückhaltenden Lebensführung änderte das nichts. Was ihn faszinierte und zur Gestaltung drängte, war auch nicht die Oberfläche der sichtbaren Welt, sondern ein schwer zu definierender Bereich zwischen vitalem, aus der Tiefe herauf drängenden Gefühlsausdruck und dessen Bändigung in strengen, nicht selten zugleich opulenten Schwarzweißflächen und -linien. Viele Blätter faszinieren durch den Kontrast groß angelegter Flächen mit überaus fein ziselierten Details. Und immer sind da dieses Leuchten des weißen Papiers und das Samtschwarz der Druckfarbe – dies allein schon ein Genuss.
 Phantastische Figur: "Der Japaner" von Eugen K. Dörr (1973)
Bestimmte Themen ziehen sich durch Dörrs Lebenswerk: Tiere, Pflanzen, Städte- und Menschenbilder, Kinder, religiöse Motive, Märchen, Phantasiefiguren und nicht zuletzt mahnende, von Schrecken geprägte Szenen in überspitzter, schauriger, mitunter künstlerisch nicht ganz souveräner Formulierung. Dörr war ein nachdenkender, skeptischer Mensch, der politische und soziale Entwicklungen kritisch und gelegentlich wohl mit Entsetzen verfolgte. Das Blatt „Homo atomaris“ (1983) mit der verstümmelten nackten Figur und dem unheimlichen Riesenschatten zeugt davon ebenso wie der blutüberströmte „Kopf in den Händen“ (1980) oder der Linolschnitt „Tote Natur“ (1982) mit erstarrten Lebensformen in eisiger, meergrüner Farbgebung. Seine ganz große Stärke hatte Dörr jedoch mit Themen, bei denen ein geheimnisvoller emotionaler Ausdruck von der Feinheit und Klarheit grafischer Gestaltung eingefangen wird.
Das sind meist Szenen, bei denen Mensch oder Tier ganz in sich ruhen, wie beispielsweise der anrührende „Rentner mit Hund“ (1965) oder der „Senner“ (1982, Foto oben) mit dem kantigen, in die Ferne blickenden Gesicht, der eine zarte Edelweißblüte in den knochigen Fingern hält – der kühne Kontrast zwischen der großen schwarzen Sitzfigur, ihren weißen Händen mit der Blüte und den eigenartigen grafischen Kurzformen einer Vielzahl schneebedeckter kleiner Gipfel beschäftigt den Betrachter ebenso intensiv wie das großäugige Gesicht des alten Mannes, das selbst eine Art Landschaft abgibt. Die Gesichter speziell von alten Menschen mit ihrem ganz individuellen, etwas versunkenen Ausdruck hat Eugen Dörr ebenso treffend ins Holz gegraben wie die verträumten Züge von Kindern.
 Eugen K. Dörr "Der Alte mit Katze"
Großartig das Blatt „Der Alte mit Katze“ (1976) – eine Figur wie ein schwarzer Gebirgsbuckel, ein bärtiges Gesicht, in das das Leben sich tief eingeschnitten hat, indes die riesigen krummen Finger ein sattes, sich sichtlich wohl fühlendes Katzentier halten... zwei Lebewesen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch in einer wechselseitigen Erfülltheit beieinander sind. Dagegen die Szene „Kidnapper“ (1974) mit dem von Angst wie hypnotisierten Gesicht des kleinen Mädchens, das besinnungslos die Knochenhand des Fremden festhält – in die Riesenaugen des Kindes hat Dörr einen unvergleichlichen Ausdruck gelegt, ebenso wie in die Geste, mit der das Kind einerseits die Puppe als schützenden, vertrauten Gegenstand festhält und andererseits tapfer voranschreitet in sein Verderben, entlang einer Reihe rührend zarter, durch eine Vielzahl gepunkteter Linien angedeuteter Blumen.
 Eugen K. Dörr "Kidnapper"
Einige der schönsten Blätter Eugen Dörrs gelten jedoch Tieren. Mit ihrer Vitalität und der Pracht ihrer physischen Erscheinung kann es kaum eine menschliche Figur bei ihm aufnehmen. Ob Tiere inmitten ihrer Naturumgebung und mitunter fast versteckt darin dargestellt sind („Die Spitzmaus“ von 1964 nagt am Wurzelwerk einer überbordenden, drei Viertel des Blattes beanspruchenden Pflanze) oder ob es sich um Porträts einzelner Tiere handelt, deren Lebensraum nur eben angedeutet wird – stets nimmt Dörr dieses Thema zum Anlass, auch technisch alle Register zu ziehen. Allein das Gefieder seiner Vögel ist ein Feuerwerk aus kurzen, mal dichten, mal locker platzierten Hieben in den Druckstock, aus blitzartigen grellen Zacken und sanften, buschig gebogenen und in Reihen gestaffelten Ellipsen, Federn, die man förmlich rauschen hört und die beispielsweise der ganze Stolz eines „Hahnes“ (1976) sind. Der kecke „Stupsi“ auf einem Baumstumpf (1973) wurde sicherlich von einer Amsel im Hausgarten inspiriert – obwohl das Tierchen in Wirklichkeit kaum einen derart draufgängerischen Blick gehabt haben kann, einen Blick, in dem Dörr das Grundverhalten dieses kleinen Individuums konzentriert.
 Einer der seltenen farbigen Linolschnitte in Eugen K. Dörrs sonst strikt schwarzweißem Gesamtwerk: "Die Eule" (1981)
Die langfedrige Eleganz eines Reihers, die geheimnisvolle Präsenz von Eulen, die Frechheit einer ringelschwänzigen Echse oder die Schuppenpracht von träumenden Fischen („Der Traum der Fische“, 1974) – es sind Darstellungen, deren Intensität dem emotionalen Reichtum von Märchen gleichkommt, und die haben Dörr ja auch stets angezogen. Wie bei allen bedeutenden Künstlern ist auch bei ihm die Substanz nicht an der Oberfläche sichtbar, nicht festzumachen in Details. Was man sieht, scheint aber das Wesen der Dinge in sich zu bergen: spürbar wie eine Ahnung, für die es keine Wörter gibt.
Info: - Monographie „Zwischen Form und Traum“, Holzschnitte von Eugen K. Dörr, Privatdruck in 100 Exemplaren, Mannheim ohne Jahr (1987), mit rund 250 Abbildungen. Erhältlich über Ilse Dörr, Mannheim, Tel. 0621-852663 |