Madeleine Dietz

 

 

Madeleine Dietz beim Aufbau eines Objekts in ihrem Atelier im pfälzischen Landau, wo sie mit der Familie in einem 200 Jahre alten Haus lebt. Symptomatisch für ihre Arbeit sind Beziehungen zwischen schützenden und vergänglichen Materialien, die stets auch auf die Symbolik von Leben und Tod hindeuten. Hier erhält trockenes Pflanzenmaterial die bergende, aber durchlässige Form einer Schutzwand aus Gitterstruktur.

 

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Die Fotos auf dieser Seite sind Erstveröffentlichungen: "Kunst und Kosmos" dankt Manfred Rinderspacher für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion

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05-05-2004

Update 20-07-2010

Nur Stahl, Erde und weißes Licht

Der Mythos des Materials in den Arbeiten der Bildhauerin Madeleine Dietz

 

Von Christel Heybrock

 

Luftgetrocknete Ziegel, ein Material, das Menschen vor Jahrtausenden zum Bau von Tempeln, Palästen und Wohnhäusern nutzten. Wie schade, dass wir mittlerweile auf den unnachgiebigen Beton gekommen sind; der bröselt nicht, sieht überall gleich aus (nach einiger Zeit auch gleich schmuddelig), und ist so hart, als müsste er den Jüngsten Tag überdauern.

 

Es gibt ja Künstler, die konsequent mit Beton arbeiten, aber die 1953 in Mannheim geborene, in Landau lebende Bildhauerin Madeleine Dietz gehört nicht dazu. Ihre Arbeit wird bestimmt durch die fundamentalen Gegensätzlichkeiten von Erde, Stahl und weißem Licht – mitunter setzt sie auch Videoprojektionen ein. Es sind die Materialien, aus denen Madeleine Dietz ihre Formen und ihre Symbolik ableitet. Erde, das formlose Reich der Fruchtbarkeit und Vergänglichkeit: was könnte die menschliche Existenz, was könnte die Aspekte entstehenden Lebens und sicheren Todes besser symbolisieren?

 

Der Uferlosigkeit trockener brauner Erdschollen und bröseliger Luftziegel setzt Madeleine Dietz den Stahl entgegen. Stahl ist zwar fest, aber nicht starr, er ist zwar gesichtslos im Gegensatz zum Variantenreichtum der Luftziegel, aber biegsam. Stahl, so haltbar wie Beton, gibt den Erdbrocken eine Form, einen Halt, schützt und birgt sie. Ohne den Inhalt der Brösel  wären die Stahlformen leer und sinnlos. Diese tiefgründige Dualität zwischen der Fülle des Zufalls (Erde) und dem geplanten Ergebnis technischer Prozesse (Stahl) wäre an sich schon zukunftsträchtig genug – was kann man aus diesem Gegensatz künstlerisch alles herausholen! Doch eine ganze Dimension schien Madeleine Dietz mitunter noch zu fehlen, das Licht als Anwesenheit des Geheimnisvollen, Spirituellen, ist ein Material, das die Materie überwindet.

 

Was lässt sich „bauen“ aus den drei Stoffen? Stelen, Mauern, Wand- und Bodenobjekte. Wenn bleigrauer Stahl eine Schichtung ockerfarbener Erdziegel birgt, erinnert das immer auch an archäologische Relikte, die von moderner Technologie gesichert und vorm restlosen Zerfall gerettet werden. Die Gegensätzlichkeit der beiden Stoffe drückt eben auch den Gegensatz von Vergangenheit und Zukunft aus, den Gegensatz zwischen der Verletzlichkeit alter Kulturen und kühler Rationalität der Gegenwart. Am wirkungsvollsten sprechen die Arbeiten von Madeleine Dietz daher im Zusammenhang historischer Räume, etwa als Installationen in Sakralbauten oder im Dialog mit alten Exponaten in einem Museum, wie das 1997 im Historischen Museum Speyer gelang oder im Winter 2003/2004 auf Schloss Agathenburg bei Stade.

 

Die Gründerzeit-Räume der Mannheimer Galerie Sebastian Fath Contemporary, wo die Künstlerin im Frühjahr 2004 eine kleine Schau mit 16 Werken zeigte („ob Tag, ob Nacht ...“) bilden dabei ein ähnlich glückliches Spannungsfeld, und der Schau von 2004 folgten bei Fath weitere Ausstellungen mit Madeleine Dietz in den Jahren 2008 und 2009 (unter anderem die Schau „Nun baut mein Haus“). Im Grunde ist nur der von der Straße einsehbare große Raum ein idealer Ort für Kunstwerke. Nach hinten windet sich ein schwer zu bestückender, schmaler Gang in ein Foyer und in zwei kleine quadratische Räume, von denen nur einer für Ausstellungen mit genutzt wird - man kann wegen des gewundenen Weges erst hineinschauen, wenn man ihn betritt. Dennoch erwartet man dort normalerweise keine Überraschung; schließlich ist man zuvor genügend eingestimmt worden auf die Exponate und weiß zudem: hinten befinden sich ein Empfangsraum und das Büro.

 

"Ein Teil von...", eine fast raumfüllende Skulptur von Madeleine Dietz in der Mannheimer Galerie Sebastian Fath Contemporary 2004. Die Stahlwand mit den eingearbeiteten Luftziegeln hatte immerhin die Maße 200 x 360 x 180 cm.

 

Bei Madeleine Dietz war das 2004 auf beispielhafte Weise anders. In der noch jungen Galerie wurden die schwierigen Raumverhältnisse wohl noch nie so inspiriert und einfallsreich genutzt wie von ihr. Der Raum zur Straße wurde dominiert von einem großen Rundbogen-Objekt, bei dem in eine Stahlwand Partien mit geschichteten Erdschollen eingelassen sind: „Ein Teil von ...“ hieß das 2003 entstandene, rätselhafte Werk. Die Bogenform im quadratischen Raum antwortete auf die hohen alten Rundbogenfenster, und es verstärkte die Leichtigkeit, aber auch das Geheimnis des Raumes, dass Tageslicht, mitunter sogar Sonnenlicht, durch die Fensterbögen auf den Stahlbogen floss. Der schien sich zum Besucher zu öffnen und ihm seinen Inhalt gleichzeitig wieder zu entziehen, so dass man ihn umrunden musste, aber das Geheimnis blieb; außer den Erdschollen, die den Blick in unregelmäßige, dunkle Spalten sickern ließen, war nichts wahrnehmbar.

 

Die Künstlerin mit einer ihrer kleineren Arbeiten. Das Foto im Hintergrund deutet auf den Ursprung ihres Umgangs mit trockenen Erdschollen hin: Auf einer Reise nach Afrika sah sie ausgedörrte, von Rissen durchzogene Erde, scheinbar totes Material, das bei Feuchtigkeit aber wieder lebensspendend wird. Auch die trockenen Erdziegel der Künstlerin würden bei Nässe wieder zu fruchtbarer Erde.

 

Die Wände der Galerie, der schmale Gang waren behutsam mit kleineren und größeren Objekten akzentuiert worden, immer Stahl, der die Schollen umfängt, mal einzeln, mal als Schuber, mal als Triptychon, es war ein Spiel von offenen und geschlossenen Elementen, Titel wie „Schatzkasten“ oder „kein Fenster zum Himmel“ deuteten auf mythische Ursprünge, auf Durchlässigkeiten, die versperrt sind, und darauf, dass da etwas verborgen wird, was nicht zu entschlüsseln, aber präsent ist. Wer sich als Betrachter auf Madeleine Dietz’ Objekte einlässt, gerät immer in einen Schwebezustand von Assoziationen, die gleichzeitig geweckt und negiert werden.

 

Ein ganzer Raum voll Erde, aus der geheimnisvolle Lichtquadrate strahlen: Madeleine Dietz' "Neun Felder ohne Namen" als Installation bei Sebastian Fath Contemporary 2004.

 

Der letzte Raum aber war dunkel. Und dann traf es einen doch, das Unerwartete: Der Fußboden war bis in alle vier Ecken mit trockener Erde bedeckt, die man nicht betreten konnte. Und unter der Erde war Licht, das in den schmalen Linien von neun Quadraten durch die Erde drang. „Neun Felder ohne Namen“ nannte Madeleine Dietz diese Installation, deren fast sakrale Intensität und rätselhafte Poesie einen erst mal sprachlos machte. Gab es Assoziationen, die einem bei diesem fremden  Anblick durch den Kopf schossen? Ein Gräberfeld von Menschen, deren Lebensenergie noch immer leuchtet? Licht als Energie, die aus dem Boden dringt statt von „oben“? Leuchtende Materielosigkeit, die stärker als das Dunkle, Schwere ist?

 

Nein, Antworten und simple Lösungen sind nicht die Sache von Madeleine Dietz. Einfach sind nur ihre Materialien.

 

Infos:


- Madeleine Dietz: „ob Tag, ob Nacht ...“, Galerie Sebastian Fath Contemporary, 68165 Mannheim, Elisabethstraße 7, vom 22. April bis 6. Juni 2004, Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Samstag 10-16 Uhr, www.fath-contemporary.de 
Die Galerie hat seit 2010 bis auf weiteres keine öffentlichen Schauräume, die Adresse Elisabethstraße 7 wurde aufgegeben.

- Madeleine Dietz wird von internationalen Galerien bis hin nach USA vertreten und hat zahlreiche Preise errungen, unter anderem den Barlachpreis 2003. Auf ihrer Webseite dokumentiert sie Werke von 1999 bis 2010:
http://www.madeleinedietz.de

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