Madeleine Dietz
Prinzipalien der Konkordienkirche Mannheim


Der Altar der Mannheimer Citykirche: In den Stahlkörper sind an einigen Kanten Öffnungen eingeschnitten, die den Blick auf geschichtete Erdschollen freigeben.
Foto: Madeleine Dietz (Copyright)

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"Kunst und Kosmos" dankt der Künstlerin Madeleine Dietz und dem Fotografen Manfred Rinderspacher für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion der Fotos auf dieser Seite.

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Madeleine Dietz im Atelier
Sakralräume von Madeleine Dietz: Martinskirche Kassel und Zwölf Aposteln in Frankenthal

11-11-2010

Ein Schutz umfängt bedrohtes Leben
Madeleine Dietz gestaltete 2010 den Altarraum der Mannheimer Konkordienkirche

Von Christel Heybrock

Sie hat schon viele Sakralräume mit ihren Arbeiten ausgestattet, denn was sie tut, zielt ohnehin auf eine Bedeutungsebene, die unsere Alltagsbanalität hinter sich lässt. Madeleine Dietz hat sowohl temporär in Kirchen ausgestellt als auch Kirchenräume durch dauerhafte Auftragsarbeiten mit gestaltet - nur ihre Geburtsstadt Mannheim war nie dabei. Das hat sich 2010 geändert: Im Auftrag der evangelischen Mannheimer Konkordienkirche (der "Citykirche", weil sie mit ihrer sozialen Arbeit einen wichtigen urbanen Akzent setzt) schuf Madeleine Dietz die sogenannten Prinzipalien des Altarraums:

Altartisch
Ambo (Lesepult)
Taufstein
Kanzelparament (Kanzelverkleidung) 

Vier Stücke von hinreißender Schlichtheit aus schwarzem Stahl und rötlich braunen Erdschollen - beides Materialien, mit denen die Künstlerin symbolträchtig seit Jahrzehnten arbeitet. Die Schnörkellosigkeit der Formen wird womöglich nicht jedem Gemeindemitglied sofort zusagen: Der schlanke Altartisch beruht auf einer halben Kubusform, der Ambo auf einem Längsrechteck, der Taufstein ist ein glatter schwarzer Stahlzylinder mit aufgesetzter erdfarbener Schale und der Behang vor der ansonsten weißen Kanzel nimmt die Farbe des Stahls auf, während die Durchbrüche hier keine Erdschollen, sondern ein glühendes Rot sichtbar machen, das mit einer simplen Altardecke korrespondiert.


Blick in den Altarraum der Mannheimer Citykirche mit den Prinzipalstücken von Madeleine Dietz: links der Ambo (Lesepult), in der Mitte der Altartisch mit zwei weißen Kerzen, dahinter die weiß verkleidete Kanzel mit dem zur Gemeinde gerichteten stahlgrauen Behang und roten Durchbrüchen, ganz rechts der Taufstein mit der erdfarbenen Taufschale.
Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

Diese Stücke ersetzen eine Ausstattung von 1996 und bleiben dauerhaft vor Ort. Das eindrucksvollste Objekt freilich wird nach wenigen Wochen wieder entfernt, weil der Kirchenraum auch für Ausstellungen und soziale Aktionen genutzt wird: Es ist ein großes stählernes Tor, durch das die Besucher auf dem Weg zum Altarraum hindurch schreiten müssen. Die Künstlerin schrieb dazu in einer E-Mail:

"Im normalen Gottesdienst sind nur wenige Bänke vorne besetzt. Daher kam ich auf die Idee ein Tor zu bauen, eine Abteilung schaffen. Ein Tor hat ja in einer Kirche sehr seinen Platz, ist nichts Fremdes. Kein Höllen und kein Himmelstor, nicht von mir, das haben andere gemacht. Der Altarraum wird dadurch hervorgehoben, was ich wenigstens für 4 Wochen zeigen wollte. Meine Prinzipalien werden durch das Tor verstärkt, gegen das riesige Kreuz kann man mit nichts ankommen. Da die Gemeinde die Kirche auch zu Ausstellungszwecken nutzen möchte, muss das Tor wieder weg, um anderen Künstlern einen Freiraum zu schaffen. Bin sehr gespannt wie die Gemeinde den Raum ohne Tor empfinden wird."
 
Blick zum Altarraum aus dem Mittelgang. Ganz hinten in der Öffnung des Tors zu Füßen des riesigen Kreuzes der Altartisch.
Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)
 

Der gleiche Blick aus größerer Bodennähe: Das Tor bildet ein irdisches Gegengewicht zum Riesenkreuz in der Apsis und stimmt den Besucher dennoch ein auf die Sakralatmosphäre des Altarraums. Man schreitet hindurch wie bei einer archaischen Prozession und fühlt sich in einer anderen Welt. Wird das Tor wie geplant wieder entfernt, verliert der Altarraum viel von seiner geheimnisvollen Ausstrahlung.
Foto: Madeleine Dietz (Copyright)
 
Schmucklosigkeit ist zwar ein bewusstes Charakteristikum protestantischer Kirchenräume, aber die Prinzipalien von Madeleine Dietz verlangen dennoch nach einer Interpretation, die sich nicht auf Anhieb bei den Gläubigen einstellen dürfte. Die Glätte der Stahloberflächen, die streng geometrischen Formen lassen das Auge zunächst eher abprallen als eindringen und rufen nicht gleich den Antrieb zu einer Auseinandersetzung hervor. Die Stellen, an denen das Sehen in eine Tiefe gezogen wird, sind rar: Es sind die mit Erdschollen hinterlegten sparsamen Aufbrüche in Tor, Tisch und Ambo, die darauf schließen lassen, die Objekte seien im Innern ausgefüllt mit aufgeschichteten, luftgetrockneten Ziegeln.
 
 
Madeleine Dietz am linken Pfosten ihres Tors: Der Durchbruch, der die Erdschollen im Innern sichtbar macht, befindet sich in Kopfhöhe der Besucher (das Foto macht dadurch zugleich die Größenverhältnisse des Tores deutlich).
Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)
 
Stahl und Erde - es sind fundamentale Gegensätze im Werk von Madeleine Dietz, bei denen der Stahl eine unzerstörbare Glätte und Festigkeit, aber die Erde das schöpferisch-unendliche Chaos der Natur vertritt. Beide haben ohne einander keine Bedeutung, doch miteinander rufen sie zu weitreichenden Assoziationen auf. Der Stahl, entstanden aus gewaltigen Energien, ist nicht nur das harte, praktisch ewige Material im Gegensatz zu den empfindlichen, bröseligen Erdschollen, sondern er gibt ihnen auch eine Form, einen Halt und Schutz. Als Gegenpart der lebensspendenden Erde, die mit den Händen geformt und einfach an der Luft getrocknet wurde, verhindert er die Auflösung der Erdstücke, die beispielsweise bei Feuchtigkeit wieder zu Matsch würden. Ohne ihre bergende Funktion freilich wären die Stahlkörper nur tote, technoide Behältnisse.
 
In einem Sakralraum lassen sich den beiden Materialien noch präzisere Bedeutungen zuweisen. Man könnte die Erdschollen als Symbol der lebendigen Gemeinschaft der Gläubigen sehen und die Stahlkörper als Institution der Kirche, die dem Leben Form und Schutz gibt. Die menschliche Existenz, prinzipiell flüchtig und in ihrer Substanz bedroht, bekäme durch die Dauerhaftigkeit der Kirche einen sicheren Ort. Dabei spielt es durchaus eine Rolle, an welcher Stelle in den Stahlkörpern Madeleine Dietz die Durchbrüche setzte: Im Tor sind es die Kopfhöhe der menschlichen Figur und darüber der Ansatz des Querbalkens, der den Blick vorm Durchschreiten nach oben zieht. Beim Ambo markiert der Durchbruch die Höhe, auf der innen der Lesetext liegt. Beim Altartisch betonen die Durchbrüche einige Kanten und damit die Gesamtform des Objekts, in dem Kirche und Gemeinde symbolhaft vereint sind. Beim Taufstein gibt es keinen Durchbruch - die Schale allein ist es, die als Zeichen der "Öffnung" und Bereitschaft des Taufkindes auf der geschlossenen Säule der Kirche ruht. Ein Sonderfall ist die Kanzelverkleidung, hinter deren Ausschnitten ein glühendes Rot zu sehen ist, das sich auf der Altardecke wiederholt. Die Farbe ist in ihrer Intensität fast schmerzhaft und scheint nicht in den Zusammenklang der Objekte zu passen. Tatsächlich wurde sie bewusst gewählt und deutet auf die überwältigende Energie des göttlichen Wortes hin, das von der Kanzel verkündet wird. Auch die Form der Ausschnitte am Kanzelparament hat keine Ähnlichkeit mit den Durchbrüchen in den Stahlkörpern: An der Kanzel wirken die Ausschnitte wie stilisierte Textzeilen oder Einzelwörter. So lässt sich zwischen Stahl und Erde ausmachen, was über die bloße Erscheinung der Dinge hinaus zielt - die Beziehung zwischen einer Instanz von Dauerhaftigkeit und der Verletzlichkeit des Lebens, zwischen dem Festen und dem Brüchigen, zwischen gültiger Form und einem Inhalt aus gelebten Zufällen und Banalitäten.
 
Info:
Zur Einführung der Prinzipalien von Madeleine Dietz ist die Citykirche Konkordien vom 29. Oktober bis 21. November 2010 montags bis samstags von 11-15 Uhr geöffnet (68165 Mannheim, R 2). Homepage der Künstlerin: www.madeleinedietz.de
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