Madeleine Dietz
Sakralräume - Martinskirche Kassel und Apostelkirche Frankenthal


Stahl und Erdziegel sind die Materialien, mit denen Madeleine Dietz arbeitet - hinzu kommt mitunter Licht als Quelle geheimnisvoller Spiritualität.
 Foto:
Manfred Rinderspacher (mit freundlicher Genehmigung)

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Juli 2012

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Madeleine Dietz und die Utopie des Glaubens - am Beispiel von St. Martin in Kassel und der Zwölf-Apostel-Kirche in Frankenthal

Von Christel Heybrock

Erde, Stahl, Licht. Es sind die Materialien selbst, die bei Madeleine Dietz eine ungeahnte Symbolkraft ausstrahlen - und immer wieder ergibt sich eine Wechselwirkung zwischen ihnen und dem umgebenden Raum. Besonders überzeugend und tiefgründig wirken die Arbeiten der Künstlerin in geschichtsträchtigen alten Bauwerken, die bereits eine eigene Aura haben, und in sakralen Räumen. Gerade hier werden die Assoziationen der Besucher durch die scheinbare Einfachheit der künstlerischen Konzeption herausgefordert - man denkt unwillkürlich weit über den materiellen Anblick hinaus und zielt dabei hin zu Menschheitsfragen, zu den ewigen Fragen nach dem Sinn unserer Existenz, nach Gefährdung und Geborgenheit und schließlich hin zu einer kosmischen Hoffnung, die über unser Leben hinaus geht. Wenn "Gott" als Instanz in Kirchenräumen spürbar ist, dann wenden sich die Arbeiten von Madeleine Dietz eher gegen eine konfessionelle Tradition: um an die verschüttete Tiefe überkonfessionellen Glaubens zu rühren und die Gegenwart Gottes neu erfahrbar zu machen.

Das kann geschehen durch die Gestaltung der Prinzipalien Altartisch, Kanzel, Lesepult und Taufbecken wie in der Mannheimer Konkordienkirche, wobei die besondere Einfachheit der kirchlichen Ausstattungsstücke zunächst vielleicht irritiert, letztlich aber wesentlich ist für die Konzentration der Gläubigen auf fundamentale spirituelle Werte: Es geht eben nicht um die Zurschaustellung materieller Opulenz. Ähnlich wie bei den Mannheimer Prinzipalien verfuhr die Künstlerin auch bei der Martinskirche in Kassel, wo das Altarensemble und die Kanzel gerade zur Eröffnung der "documenta 13" im Jahr 2012 fertig wurden:


Schwarzer Stahl und heller Stein - die hellen Eckkanten des Altartisches korrespondieren mit den "Streifen" des Kanzelaufsatzes, der auf einem leicht gebogenen hellen Steinsockel ruht. Die jeweils in den Stahl eingelassenen horizontalen Bänder bestehen aus getrockneten Erdziegeln, einem sehr fragilen, unregelmäßig geformten Material, das vom Stahl geschützt wird und ihm zugleich erst eine sinnvolle Funktion zuweist. Auch der Kerzenhalter auf dem Altar ist ein Entwurf der Künstlerin. Das Foto unten zeigt die Kanzel noch einmal aus der Nähe.
Fotos: Madeleine Dietz

Mit der evangelischen Kirche St. Martin in Kassel hat es eine besondere Bewandtnis. Als Begleitveranstaltung zur documenta 1997 wurde in der Kirche eine internationale Kunstausstellung gezeigt, bei der auch Madeleine Dietz vertreten war: Sie hatte sich damals mit einer Umbauung des vorhandenen Altars direkt auf die Kirche selbst bezogen und damit erstmals ihre eigene überraschende Formensprache im Umgang mit Sakralräumen präsentiert. Ihr damaliger Beitrag zur Gestaltung des Altarraums war nur während der Dauer der Ausstellung zu sehen gewesen - im Jahr 2012 konnte sie nun in der Martinskirche für ein dauerhaftes Ensemble sorgen, zu dem auch ein Taufstein und der Ambo gehören, das Lesepult:


Ambo in der Kasseler Martinskirche. Fragile Erdziegel in schützender Stahlhülle - die Assoziation von der Vergänglichkeit menschlichen Lebens, das von der Institution festen Glaubens geschützt wird, ist nicht falsch, muss aber nicht die einzig richtige sein.
Foto: Madeleine Dietz

Für die Martinskirche hat Madeleine Dietz noch ein weiteres Werk von ganz eigener Raumwirkung geschaffen, die Gestaltung eines Glasganges, der die Kirche mit dem Gemeindehaus verbindet. Die großformatigen Scheibenelemente werden von vertikalen Stahlstreben gefasst, so weit, so üblich. Ungewöhnlich ist, dass in verschiedenen Kopfhöhen breite horizontale Stahlbänder mit der luftigen Transparenz des Ganges kontrastieren. In diese Stahlbänder eingelassen sind wiederum breite Streifen mit Erdziegeln. Auch hier variieren die Maße, so dass eine zwanglose Assoziation an die ja auch sehr verschiedenen Menschen entsteht, die diesen Gang benutzen. Wie in allen Arbeiten der Künstlern äußert sich auch hier ein zutiefst humaner Anspruch.

Madeleine Dietz hat seit ihrer Teilnahme an der Ausstellung in der Martinskirche von 1997 unzählige Beiträge zu sakralen und meditativen Räumen geschaffen. Neben Kassel war im Jahr 2012 eine Installation in der Zwölf-Apostel-Kirche im kleinen Frankenthal ihre wohl wichtigste Arbeit.


Altarraum der Zwölf-Apostel-Kirche in Frankenthal
Foto: Madeleine Dietz

Zu diesem Projekt äußerte sich die Künstlerin selber:

"Meine Arbeit für die Zwölf-Apostel-Kirche in Frankenthal besteht aus drei aufeinander bezogenen Elementen und Materialien: eine Erdschüttung im Mittelgang, die sich vom Kircheneingang über die Altarstufen bis zum Altar erstreckt; eine etwa 50 cm starke (Dornen-)Hecke, die den hinteren Bereich des Altarraums abschließt; und eine Lichtinstallation hinter der „Hecke“, die vage Licht durch das Holz scheinen lässt. Wo im Alltag ein strapazierfähiger Teppich liegt, bedecken während der Ausstellung getrocknete, geschichtete und zugleich fragil erscheinende Erdstücke den Boden. Das verändert den Blick in die Kirche, wie auch den Zugang zum Altar und zum Chor. Wo bisher der Blick in den Chor sich fortsetzte, konstituiert nun eine Dornenhecke einen Raum diesseits und jenseits der Hecke. Und jener scheinbar nicht mehr sichtbare Bereich wird von den Lichtstrahlen der Installation im Bewusstsein gehalten. Die Arbeit nimmt so die Dynamik und die Botschaft einer Wegekirche auf ..."


Blick in den gesamten Kirchenraum von Zwölf Aposteln, der sich als "Weg" zum Altar hin gestaltet. Madeleine Dietz hatte diesen normalerweise mit einem Teppich bedeckten Weg mit Erdbrocken belegt.
Foto: Madeleine Dietz

Eine "Wegekirche" richtet sich liturgisch streng zum Altarraum hin aus und symbolisiert damit den Lebensweg der Gläubigen hin zu Christus, dessen Gegenwart schließlich im Altarkreuz beschworen wird. (Den Gegensatz zur Wegekirche bildet der Zentralbau, in dem sich die Gläubigen vorrangig als Gemeinschaft ausdrücken - sie gruppieren sich rund um den Altar in der Mitte.) Die von Madeleine Dietz geschaffene Installation aus Erdweg, Dornenhecke und Licht in Zwölf Aposteln war nur vorübergehend zu sehen (bis 24. Juni 2012), weil sie den konventionellen liturgischen Ablauf des Gottesdienstes behindert hätte - man stelle sich etwa gehbehinderte Gemeindemitglieder auf dem Erdweg vor ... Dennoch rückte die Künstlerin mit dem Projekt plötzlich Glaubensinhalte in einen ursprünglichen, archaischen Zusammenhang, bei dem erneut Erde die Fragilität menschlichen Lebens andeutet - aus Staub entstanden, wird der Mensch wieder zu Staub. Die Dornenhecke hinterm Altartisch, die den Chorraum verschließt wie eine unsichtbare Verheißung, deutet nicht nur die Passion Christi an, sondern menschlichen Schmerz allgemein, auch Schmerz angesichts des Todes, auf den jedes Leben sich hin bewegt. Zugleich erscheint wie eine überirdische Kostbarkeit die Lichtquelle in den Dornen als spirituelle Hoffnung. Man muss nicht religiös oder gar konfessionell gebunden sein, um die fundamentale Symbolik dieser Bildsprache nachzuempfinden. In den Konzepten von Madeleine Dietz wird Religion identisch mit menschlicher Sehnsucht schlechthin. Die Utopie vom Sinn des Lebens und vom Aufgehobensein des Menschen in einem großen kosmischen Zusammenhang wird bei ihr zum sichtbaren Zeichen.

Info:
Weitere Bilder und eine Liste der bisherigen Sakralräume sind auf der Homepage der Künstlerin zu finden: http://www.madeleinedietz.de/

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