Giorgio de Chirico (1888-1978)


Giorgio de Chirico in einer Aufnahme Carl Van Vechtens am 5. Dezember 1936.
Foto: Library of Congress, Prints and Photographs Division

 


Chiricos Gemälde "Cavalli sulla spiaggia" (Pferde am Strand, 1926), von der Imago Art Gallery im Internet beim artnet Verzeichnis angeboten.

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02-01-2005/ updated März 2009

Ein Mann mit Geheimnissen
Kunsthistoriker Wieland Schmied über den italienischen Maler Giorgio de Chirico

Von Christel Heybrock

 

Seine Bilder wurden berühmt wegen ihrer Atmosphäre von Leere und Rätselhaftigkeit. Verlassene Plätze, gesäumt von dunklen Arkaden in grellem Licht, Straßenzüge mit Fluchtpunkt, in der Ferne vielleicht ein Segel und über allem ein brütender Himmel. Menschen? Eher Schemen. Hin und wieder ein langer schwarzer Schatten, der seitlich ins Bild fällt - wer steht da außerhalb und wo schaut er hin, der Unsichtbare? Oft finden sich antike Skulpturen in klassischem Faltenwurf, in einer bestimmten Werkphase treten seltsame Gliederpuppen auf, Konstruktionen mit gesichtslosen Köpfen. Menschen der Gegenwart hat der italienische Maler Giorgio de Chirico nicht gemeint, die Figur ist bei ihm nur Zeichen: An ihr misst das Auge die Harmonie der Proportionen, mit ihr werden Bedrohungen, aber auch Erinnerungen evoziert an die Vergänglichkeit alter Götter, mit der Figur wird mitunter die Banalität der Gegenwart zu schmerzlicher Ironie – auf dem Gemälde „Melancholie des Politikers“ (1913, Kunstmuseum Basel) steht mit dem Rücken zum Betrachter eine Marmorstatue in antiker Pose, aber in der Kleidung des 20. Jahrhunderts und entlarvt das moderne Leben als Lächerlichkeit.

 

Giorgio de Chirico beschwor die Antike als Teil einer kulturellen Prägung herauf, die wir noch in uns tragen:  Maße und Proportionen, Konflikte zwischen Mensch und Gott, zwischen Begrenzung und Größe, Ironie und Todesschrecken. Es sind nicht nur die unterbewussten „Erinnerungen“, die wir jenseits nüchterner historischer Fakten noch im Blut und in den Körperzellen haben, sondern auch jene Architekturen und Straßenzüge, die unseren Städten noch immer ein Gesicht geben, ein Gesicht freilich, das inzwischen seltsam entstellt wurde. Was mag an Furchtbarem enthalten sein in dem verschlossenen Container, der am Rande eines harten Schlagschattens in der Sonne steht („Der Abschiedsschmerz“, 1913-1914)? Was sind es für riesige Schlote, die sich manchmal unvermittelt im Bild erheben, und stößt nicht in weiter Ferne eine Dampflok ganz unantikisch ihre Rauchwolke aus? Pittura metafisica – metaphysische Malerei nannte Chirico das, und die Surrealisten empfanden ihn als einen der Ihren. Nur: seit 1930 war es schon vorbei damit, Chiricos Weg zurück in die Vergangenheit verlor sich aus seinem magischen Spannungsfeld und endete in pathetisch-barockem Epigonentum (und unter anderem in einer Reihe scheußlicher Selbstporträts).

 

Seine Stellung in der Malerei des 20. Jahrhunderts ist, wen könnte es wundern, zwiespältig, und zumindest im germanischen Sprachraum ist er so richtig populär nie geworden. Überblickt man sein Werk im Ganzen und hält sich die stürmische Entwicklung der modernen Kunst vor Augen, bei der zu Lebzeiten des Meisters eine Avantgarde-Strömung von der nächsten abgelöst wurde, dann hat man den Eindruck, die Zeit sei über Chirico mächtig hinweggebraust. Ihn focht es nicht an, er umgab sich mit den nebulösen Geheimnissen vergangener Epochen und vergangener Größe, und dass dieses problematische Verhältnis zur Wirklichkeit sich auch auf seine Lebensführung erstreckte, das untersuchte der renommierte Kunsthistoriker und Museumsmann Wieland Schmied in einer kleinen Publikation, die als Teil der Reihe „Schriften zur Kunstkritik“ vom Internationalen Kunstkritikerverband AICA herausgegeben wurde.

 


Chirico-Kenner Wieland Schmied Anfang der 1970er Jahre zu Besuch bei dem Maler in Rom. Das Foto wurde dem Bändchen "Das Rätsel de Chirico" entnommen.

 

Kein anderer hätte sich diesem Thema kompetenter widmen können, denn Chiricos Werk ist kaum jemand so vertraut wie Wieland Schmied, der den schwierigen Künstler 1969 kennen lernte und 1970 als Direktor der Kestner-Gesellschaft in Hannover die erste große Ausstellung in Deutschland organisierte. Schmied, 1929 in Frankfurt geboren und damit zwei Generationen jünger als Chirico (1888-1978), hat auch später die großen Retrospektiven des Malers in München, Düsseldorf und Paris mit gestaltet und viele seiner Schriften herausgegeben. Dass er sich in dem Bändchen mit den Details einiger Schummeleien beschäftigte, die ihm offenbar über die Jahrzehnte keine Ruhe ließen, ordnet Walter Vitt als damaliger Präsident der deutschen AICA-Sektion einer fast schon traditionellen Auseinandersetzung zu: Bereits zum dritten Mal ziehen Kunstpublizisten in der AICA-Schriftenreihe das Problem von Fälschungen und falsch tradierten Fakten ans Licht – wer anders sollte das wohl auch machen? (Walter Vitt entkam selber dem heftig bekämpften Fehlerteufel nicht immer, wie er im Nachwort zum Chirico-Bändchen bekannte.)

 

Aber zurück zum Meister der metaphysischen Malerei, der, so Wieland Schmied, sich fast  immer unverstanden gefühlt habe und mit Äußerungen, die nicht der Realität entsprachen, einer „tieferen Wahrheit auf der Spur“ zu sein wähnte. Nun ist Selbstmystifikation mitunter legitimer Bestandteil schöpferischer Persönlichkeiten. Bei Chirico allerdings, so Schmied, sei diese Tendenz extrem gewesen und habe zu vielen falschen Angaben in der Literatur geführt. Einsamkeit beispielsweise? Der arme Chirico immer allein, wie man in dem Roman „Hebdomeros“ (1929) und in den Erinnerungen des Malers liest? Aber nicht doch – Chirico, so Schmied, habe auch dann diesen Aspekt hervorgekehrt, wenn er nachweislich mit seiner Mutter, mit Bruder Alberto oder sonst einer Menge Leuten zusammen gewesen sei. Krankheiten? Die bizarre Identifikation mit Friedrich Nietzsche (der zufällig in Chiricos Geburtsjahr 1888 in geistige Umnachtung fiel) verursachte bei Chirico, der sich als dessen geistigen Erben empfand, das Auftreten der Krankheitssymptome des Philosophen.

 

Dass Chirico heute allgemein als „Italiener“ gilt, kam nicht zuletzt durch seine eigene Betonung der „Italianità“ zustande. Doch so simpel scheinen die Verhältnisse nicht gewesen zu sein. Seine Geburtsstadt Volo oder Volos liegt in Thessalien, das 1881 an Griechenland gefallen war. Chiricos Vater arbeitete dort als „Ingenieur“ (Schmied: eher als Unternehmer) und zog die italienische Flagge auf, als Volos im türkisch-griechischen Krieg 1897 von osmanischen Truppen besetzt wurde: Als Italiener konnte man Neutralität dokumentieren. Nachdem der Vater 1905 in Athen gestorben war, sahen Chirico und sein Bruder Italien dann wirklich – auf der Durchreise nach München. Von 1909 bis 1911 hielt sich Chirico tatsächlich in Italien auf, allerdings lebte er von Juli 1911 bis 1915 in Paris, und das kam so, wie Schmied herausfand: 1911 war Chirico in Florenz gemustert und für wehrtauglich befunden worden, so dass er es für klüger hielt, sich ins Ausland abzusetzen. Leider erhielt er in Paris dann doch noch den Stellungsbefehl, so dass Chirico sich nach Italien begab, und zwar nach Turin als der Garnison, die einer möglichen Flucht am nächsten lag - die ergriff er dann auch zehn Tage später mit einer erneuten Abreise nach Paris. Der auf diese Weise (eigentlich zweimal) desertierte „Italiener“ machte die Sache höchst geschickt wieder gut, als Italien drei Jahre später in den Ersten Weltkrieg eintrat. Da meldete er sich nämlich freiwillig und sofort zum Dienst, weil mit solchem Eifer eine Amnestie verbunden war.

 

Man muss Schmieds Büchlein zugute halten, dass er solche Vorkommnisse keineswegs genüsslich ausschlachtet, sondern angesichts des engen Raumes so flott und sachlich abhandelt, dass man manche Passagen schon sehr langsam lesen muss, um sich ihre Tragweite vorzustellen. Im Grunde steht der große Meister nicht nur als Maler, sondern auch als geheimnisvoller Selbstverherrlicher da, der in verschiedenen Lebensphasen ganz kontroversen „Vorahnungen“ und Erlebnissen von „Wiedergeburt“ folgte. Dass er bei der Datierung seiner eigenen Bilder und bei der Definition von Fälschungen, aber auch bei der Herkunft seiner Eltern, bei der korrekten Schreibung seines Namens, bei unter Pseudonym verfassten autobiografischen Texten absichtlich Fehler in die Welt setzte - es hat in der Literatur und auf dem Kunstmarkt zu Verwirrungen geführt, die vielleicht noch gar nicht alle geklärt sind. Chiricos Vater war beispielsweise keineswegs „Sizilianer“, sondern in Istanbul geboren, und die Mutter stammte nicht aus Genua, sondern aus Smyrna. Es scheint, als hätten sich in Chirico nicht nur Antike und Avantgarde zeitweise vereint, sondern als hätten auch das westliche und ein davon sehr verschiedenes orientalisches Realitätsbewusstsein gegeneinander Krieg geführt. Der Qualität seiner Bilder tut das ja keinen Abbruch – so weit sie echt sind.

 

Info:


- Wieland Schmied: „Das Rätsel de Chirico“, Band 14 der Reihe „Schriften zur Kunstkritik“, herausgegeben von Walter Vitt, Edition des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA (deutsche Sektion), Verlag Steinmeier, Nördlingen 2004, 48 Seiten, 9,10 Euro, ISBN 3-936363-4, http://aica.de


- 2009 findet im Musée dArt Moderne de laVille de Pariswieder einmal eine riesige Chirico-Ausstellung statt: "Giorgio de Chirico. La Fabrique des Reves". Bei 170 Bildern wird außer dem anerkannten Frühwerk auch das umstrittene Schaffen der späteren Jahrzehnte ausgebreitet (bis 24. Mai 2009, Katalog 40 Euro). Kunstpublizist Werner Spies urteilte dazu in der FAZ: "Den Hauptteil der Schau bestreiten ... Bilder, vor denen man früher nur mit einer Augenbinde vorbeigezogen wäre./ Auf dem Terrain der Selbstverstümmelung hat de Chirico Maßloses erreicht."

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