Claus Burys Bühnenbild zu Wagners "Tristan"

 


Der Frankfurter Bildhauer Claus Bury mit dem Modell seiner Bühnenbildkonstruktion für Wagners "Tristan" am Mannheimer Nationaltheater (2004, Regie: Ulrich Schwab). Das Foto zeigt Bury vor der Ausstellungswand der Galerie Sebastian Fath Contemporary  mit dem "Schiff" (1. Akt) und Entwurfszeichnungen im Hintergrund.
Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

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17-11-2004

Update 30-04-2013

Triumph der gestrandeten Liebe

Claus Burys Bühnenbild-Entwürfe zur Mannheimer „Tristan“-Inszenierung 2004

 

Von Christel Heybrock 

 

Das Boot. Die Burg. Der Turm. Und sie konnten zusammen nicht leben, die Liebe war viel zu tief. Wagners „Tristan“ am Mannheimer Nationaltheater, neu inszeniert von Intendant Ulrich Schwab, mit einem Bühnenbild von Claus Bury. Der Frankfurter Bildhauer, dem 2002 die Mannheimer Kunsthalle unter ihrem damaligen Chef Manfred Fath eine große Ausstellung widmete, hat zwei Jahre später im Rhein-Neckar-Dreieck noch einmal eindrucksvolle Spuren hinterlassen: In Ladenburg bei Mannheim schuf er eine ungewöhnliche Schiffsanlegestelle für die Gartenschau 2005 und in Mannheim eben das „Tristan“-Bühnenbild. Die rührige junge Galerie Sebastian Fath Contemporary stellte für wenige Tage die Modelle beider Werke aus und noch dazu Modelle von Burys „Bitterfelder Bogen“, einer sich sanft in die Höhe spiralenden, begehbaren Holzkonstruktion in flacher Landschaft. Der "Bitterfelder Bogen" in Ostdeutschland, eröffnet 2006, wurde inzwischen zu Burys bisher größter Skulptur, er ist ein Werk zwischen Land Art und Brückenkonstruktion.

 

Bury arbeitet fast nur mit Holz, und seine Skulpturen sind oft Brücke, Labyrinth und Turm in einem. Von archaischer Wucht und monumentaler Größe, scheinen sie in den Boden einzudringen und daraus empor in die Höhe zu streben, sie überspannen Gegensätze von Oben und Unten; trotz ihrer gewaltigen Dimensionen stets auf Menschen bezogen, sind sie schützend und verwirrend zugleich. Angesichts ihrer Vieldeutigkeit und Grundsätzlichkeit wundert es nicht, dass für die drei „Tristan“-Akte im Grunde nur eine einzige Konstruktion nötig war, ein Gebilde von genialer Einfachheit, das sich mit jedem Akt nur anders zum Raum und zur Grundfläche verhalten musste. Wagners Drama von der Liebe, die nur im Tod Erfüllung finden kann, bekam mit Burys Bühnenobjekt einen überraschend adäquaten, symbolträchtigen Ort.

 

Erster Akt. Isolde, dem König Marke zur Ehe versprochen, wird von Tristan per Schiff nach Cornwall geleitet, wo sie heiraten soll. Das Schiff ist bei Bury eine Art überdimensionaler Schlitten mit einem Segel, es beansprucht den gesamten Durchmesser der Drehbühne. Das „Deck“ als scheinbar sichere, ebene Fläche „deckt“ eine komplizierte Konstruktion aus einander überkreuzenden Sparren zu, die sich zu einem monumentalen halben Kugelsegment fügen. Über diesem „Schiffskiel“, dessen Form zum kühnen Kreisschwung angesetzt hat und in der Mitte abbricht, bewegen sich die Menschen auf ihren Planken unbewusst wie über einen bedrohlichen, zerbrechlichen Grund, den sie nicht sehen können. Das Schiff, archetypisches Symbol der Lebensreise, birgt bereits das Drama als Konstruktion: Verwirrung und Chaos im Untergrund, sowie die stumpfe Bruchkante anstelle eines vollendeten, den Meereswogen angepassten Kugelsegments. Ein solches Fahrzeug kann nur untergehen.

 


König Markes Burg - das umgedrehte Modell für den zweiten Akt. Die Bruchkante rechts wird durch eine angeschobene Treppe ergänzt.
Foto: Nationaltheater Mannheim

 

Zweiter Akt, König Markes Burg. Noch einmal suggeriert der Ort, auf dem sich das Leben abspielt, Sicherheit. Das nunmehr segellose „Schiff“ liegt jetzt umgekehrt da mit dem Kiel nach oben und den Deckplanken auf dem Bühnenboden. Ist es gestrandet? Ja und nein. Das Schiff, die Lebensreise von Tristan und Isolde, läuft an der Wirklichkeit von König Marke wie an einem Hindernis in doppeltem Sinn auf und havariert. Aber das Gebilde mit der abgeschnittenen Kreisbiegung ist andererseits vielleicht kein Schiff mehr, sondern ein schön geschwungenes Bauwerk, König Markes Burg nämlich, und sogar das abgebrochene Kugelsegment scheint sich zu vollenden, weil eine Treppe an die Bruchkante geschoben wurde, die in Stufenzacken zwar, aber immerhin, den Bogen aufnimmt und der Erde zuführt. Verzweifelt nur die einander kreuzenden und überschneidenden Streben, die dem „Bauwerk“ im Innern die Assoziation einer „Hexenschere“ verleihen und völlig konträre Energielinien andeuten: Der Konflikt zwischen Leidenschaft und Verrat, wie Wagner ihn im zweiten Akt ausbrechen lässt, ist in dieser Architektur sinnfällig angelegt. Ein Ort der Liebe ist das nicht, eher ein Durchgangsort, aber wohin? Ein Ort zum Sichverirren, eine Unbehausung. Gibt es ihn denn, den Ort der Liebe für Tristan, König Markes treuesten Vasall, und Isolde, König Markes Braut?

 


Bury in der Galerie Fath mit dem auf die Bruchkante gestellten Modell, wie es im dritten Akt als "Turm" benutzt wurde. Das Foto in der Mitte lässt das "Schiff" mit dem aufgespannten Segel ahnen.
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Dritter Akt, Tristans Burg in der Bretagne, wohin der verwundete Held sich sterbenskrank zurückgezogen hat. Das Boot, die Burg – und jetzt der Turm. Wieder wurde Burys Konstruktion umgedreht. Sie steht jetzt auf dem stumpfen Ende, da wo die Mitte des Kugelsegments gewesen wäre, wenn es denn nach beiden Seiten hätte wachsen dürfen. Wenn es ein geometrisches Zeichen für ausgeglichene, wirklichkeitsfähige Liebe gäbe, dann wäre es Burys Kugelsegment, eine Figur, die sich nach beiden Enden emporschwingt in die Utopie gleichermaßen wie in die Realität und sich in harmonischem Bogen immer auspendelt. Aber eine solche Liebe ist sie nicht, die zwischen Tristan und Isolde, sie geht nur in eine einzige Richtung: nach oben, weg vom Boden, weg von der Sicherheit des Lebens. Und seltsam: jetzt, wo sich das endlich zeigt, steht die Konstruktion sicher und felsenfest auf der Erde, die stumpfe Kante hat plötzlich ihren statischen Sinn.

 

Oben im Turm befindet sich der sterbende Tristan. Isolde steigt langsam zu ihm empor. Es gibt nur noch diese eine Bewegung in die Horizontale; die Lebensreise, sie kann nicht weiter gehen, sie hat ihr Ende, ihren Höhepunkt gefunden. Das Boot, das Bauwerk, hier wird es zur Brücke, die nach oben führt, da, wo die Liebe, die nicht Alltag werden konnte, mit dem Tod identisch wird. „In dem wogenden Schwall,/ in dem tönenden Schall,/ in des Welt-Atems/ wehendem All“ – Isolde wird Tristan erreichen.

 

Galerist Sebastian Fath hofft, dass die Theatersammlung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen eines der Modelle von Claus Burys Bühnenbild erwerben kann oder wenigstens eine der Entwurfszeichnungen oder Fotografien (die übrigens auch für sich allein von großem künstlerischem Reiz sind). Und am meisten würde (nicht nur) er sich freuen, wenn später, viel später einmal das Original-Bühnenobjekt am Theater aufgestellt werden könnte, dann, wenn es nicht mehr gebraucht wird, weil eine neue Inszenierung das Publikum mit neuer Deutung von „Tristan und Isolde“ konfrontiert.

 

Info:

- www.mannheim.nationaltheater.de

- www.fath-contemporary.de, Claus Burys Skizzen, Fotografien und Modelle zu „Tristan und Isolde“, vom 4. bis 14. November 2004, Tel. 0621-7644400.

- http://www.clausbury.de

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