Bildhauer Claus Bury

Ausstellung 2002 in der Mannheimer Kunsthalle


Claus Bury 2002 mit seinem enormen "Spannungsbogen" in der Mannheimer Kunsthalle. Die gewaltige Holzplastik scheint Boden und Decke des großen Ausstellungsraumes zu durchbrechen.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/BuryKunsthalle.html

Die Fotos von Manfred Rinderspacher auf dieser Seite sind zum Teil Erstveröffentlichungen. "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

 

Das Cover des Ausstellungskatalogs von Wuppertal, Aachen und Mannheim 2001/2002. Das Titelfoto zeigt Claus Burys 1999 entstandene Brücke am Weser-/Werrekuss

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Übersicht Bildende Kunst

 

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Fotografien von "Bauernarchitektur"

 

25-07-2002
Last Update 30-04-2013

Aufbruch, Schwung und Rückkehr

Bildhauer Claus Bury zwischen Architektur, Menschheitsgeschichte und einem Instinkt für Orte

 

Von Christel Heybrock

 

Eigentlich hat die Sprache keine adäquaten Begriffe für die machtvollen Holzplastiken von Claus Bury. Der 1946 in Gelnhausen geborene Bildhauer, der sein Atelier in Frankfurt/Main hat, in Wuppertal lehrte und seit 2003 Professor an der Kunstakademie Nürnberg ist, gehört zwar zu den großen deutschen Gegenwartskünstlern mit internationalem Renommee, aber was immer an klugen Worten über ihn geschrieben wurde – es ersetzt nicht den eigenen Anblick seiner Arbeiten und vor allem nicht das Raumgefühl, das sie hervorrufen und das man sich erst mal bewusst machen muss. Es ist eine Erfahrung, wie man sie sonst nur noch angesichts von rätselhaften archaischen Kulturrelikten macht: Man fühlt sich eingebunden in einen uralten Sinnzusammenhang, fühlt sich als Teil eines Anderen, Großen, das man erforschen möchte und das einen doch ziemlich klein und ratlos, aber trotzdem bereichert zurücklässt.

 

Eine dreiteilige Wanderschau in den Jahren 2001/2002 hat Besucher mit Bury und seiner Kunst konfrontiert und versucht, das breite Fundament seiner Arbeit zu vermitteln. Mit jeweils eigenen Aspekten waren das Von der Heydt Museum Wuppertal (wo Bury im Auftrag der Barmenia Versicherung eine von der Schwebebahn inspirierte Großplastik geschaffen hat) und das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen beteiligt – in Aachen gab es im Sommer 2001 den wohl aufschlussreichsten Werkteil zu sehen, nämlich Burys großartige Schwarzweißfotografien. Bis 8. September 2002 waren die Teilaspekte der beiden Vorgängerausstellungen zusammengeführt in einer Übersicht in der Kunsthalle Mannheim zu erleben, der dritten Station, wo Bury das Riesenwerk „Spannungsbogen“ integrierte, eine Holzplastik in zwei Teilen, die den Ausstellungsraum sowohl in der Höhe als auch in der Länge förmlich zu sprengen schien.

 


Und noch ein Blick auf den "Spannungsbogen"

 

Da ruhten zwei gewaltige Kreissegmente aus dicken Holzbalken (gigantische Kräfte schienen diese Balken gebogen zu haben) auf je einem hohen Kopfstück von rechteckigem Grundriss. Sechs Meter lang das eine Teil, mehr als sieben das andere. Beide Segmente wurden von je einem geraden Balken wie von einem Lineal geschnitten (und gleichzeitig stabilisiert), und das eine Segment schien sich kühn an die Decke zu schwingen, während das andere Segment Teil eines imaginären Kreises war, der seine fiktive Fortsetzung im Boden hatte. Stand man davor und ergänzte im Kopf die beiden Kreise, die einander konkav und konvex entsprachen, bis zu Ende, dann wurde hier jedes Denken, jeder Raum, jede Begrenzung aufgebrochen, Decke und Boden des Museums schienen nur noch eine fragile Hülle abzugeben für die Naturgewalt der Geometrie, unter deren Kräften der banale Raum gleich zersplittern würde.

 

Wo kommt einer her, der solche Dinge im Kopf hat? Dass Bury ausgerechnet in der Schmuckstadt Pforzheim studiert hat (wo aber schon so mancher junge Designer seine pfiffigsten Ideen ausprobieren konnte), war sicher nicht prägend für seine Auffassung von Kunst. Im Wortsinn „grund-legend“ wirkten sich bei Bury aber wohl Erfahrungen mit anderen Kulturen aus, deren architektonische Überreste er immer wieder aufgesucht und fotografiert hat. Für Betrachter, die von Burys Riesenplastiken zunächst in ratlose Wortlosigkeit versetzt werden, ist daher die Auseinandersetzung mit seinen Fotografien, die übrigens auch im hervorragenden Katalogbuch dokumentiert sind, von unverzichtbarem Gewinn. Dass so viele Brücken darunter sind, verwundert nicht, ist doch Burys bisheriges Lebenswerk in immer neuen Variationen eine Art Brücke: zwischen den Jahrtausenden vom alten Ägypten bis in die Gegenwart, zwischen dem Ort in der Natur und Burys eigenen Formen, zwischen der Unvergänglichkeit einer steinernen Pharonengrabstätte und der Flüchtigkeit einer Pyramide aus gerollten Strohmatten auf einem deutschen Acker.

 

Brücken hat Bury übrigens auch selber geschaffen und sich damit eingeordnet in die Reihe uralter Menschheitsträume von Eroberung und Selbstbeschränkung - denn Brücken waren immer schon beides: sowohl selbstbewusste Akzente in einer Landschaft als auch eingebettet in deren bereits bestehende Formen. Selbst so mächtige Pfeiler wie bei der irischen Eisenbahn- oder der Kölner Hohenzollernbrücke werden allmählich zu einem Stück Natur, zu einer gewaltigen Plastik mit filigranen Eisenstreben. Bei der Roury Bridge in Irland dürfte Bury die düstere Wölbung des Bogens fasziniert haben, eine Wölbung ähnlich dem Eingang zu etruskischen Grabstätten in Italien. Bei einer weiteren Brücke führt die Spiegelung des Bogens zu einem hellen „Auge“ auf dem dunklen Wasser, während Burys eigene Brücken als schmale, feine Bänder durch flache Landschaften laufen, aufliegend die eine wie die Tangente auf einem Kreissegment aus Beton, die andere dagegen fängt wie eine Kreissehne die konkave Wölbung des Unterbaus ab.

 


Zeichnung und Holzmodell gehen den Großplastiken von Claus Bury stets voraus - auch sie waren Teil der Mannheimer Ausstellung

 

In Burys Atelier sehe es aus wie in einem Architekturbüro, heißt es mitunter: Entwurfszeichnung, maßstabgetreues Holzmodell, schließlich die Umsetzung in den Außenraum – wo seine Großplastiken manchmal witterungsbedingt von der Natur „zurückgebaut“ werden. Das Bauen jedoch geschieht bei ihm nicht nach dem Ordnungsprinzip des rechten Winkels, sondern mit ganz anderen Gesten, mit Bewegungen, die auf die bestehenden Formen in der Natur und auf ihren Ort antworten und die dennoch weit in den Raum ausgreifen und wieder zu sich selbst zurückkehren. Burys Dynamik verläuft nicht nur parallel zum Boden wie bei dem abenteuerlichen, überdachten Holzweg „Gehörgang“ in Köln, sondern will auch nach oben. Zwei Frankfurter Riesenkonstruktionen vertreten beispielsweise den himmelstürmenden Aufbruch: „Blick zum Gipfel“  als eine Art Holzteleskop von mehr als zehn Metern Länge und „Blick zum Wipfel“ als hölzerner Rundbau von mehr als acht Metern Höhe mit offenem Scheitelpunkt, durch den man in die Bäume blickt. Ohne den Kreis und sein in vielfältigen Segmenten abgepuffertes Schwingen jedoch wären Burys Werke kaum denkbar. Der Kreis schafft die geheimnisvollen Bögen von Gräbern, zerfallenden Türmen und gotischen Fenstern. Der Kreis schafft Burys atemberaubende Gesten und betretbare Räume. Wer solche Erfahrungen nachvollzieht, versteht einen Teil uralter Menschheitsträume von drängendem Aufbruch wie von Geborgenheit.

 

Info:

- Claus Burys Doppelplastik „Spannungsbogen“ bis 8. September 2002 in der Kunsthalle Mannheim, Moltkestraße 9, täglich außer Montag 10-17 Uhr, Donnerstag 12-17 Uhr, Katalog 24,50 Euro, www.kunsthalle-mannheim.de

- http://www.clausbury.de

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