Dietmar Brixy

Bilderserie "Roots"

 


 

Bambus als Inspiration für einen Maler - Dietmar Brixy ließ sich von dem meterhohen Gewächs in seinem Garten ein ganzes Jahr lang anregen und setzte die "Halme" in Kontrast zu fedrigen Büscheln, die aus den Wachstumsknoten hervordrängen. Die Bilderserie "Roots" ist ein Feuerwerk von Farben, deren Dichte und einander überlagernde Schichten man unmöglich auf den ersten Blick durchdringt. Die beiden Abbildungen sind Detailansichten größerer Bilder.

 

 

Fotos auf dieser Seite: Dietmar Brixy (Copyright) mit freundlicher Genehmigung

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/BrixyRoots.html

 

Sitemap

Übersicht Bildende Kunst

 

Dietmar Brixy im Alten Pumpwerk

Dietmar Brixy Bilderserie "Beyond"

Dietmar Brixy Bilderserie "Eden"

 

22-09-2005

Der Garten, das Atelier und der Maler dazwischen

Mit der  Bilderserie „Roots“ verarbeitet Dietmar Brixy erneut Inspirationen aus der Natur

 

Von Christel Heybrock 

 

Wissen Sie, welche Farben ein Grashalm hat? Klar: Grün. Wenn Sie sonst nichts darin erkennen, sind Sie bei Dietmar Brixy ganz falsch. Oder besser: goldrichtig, denn der Mann kann einem ordentlich die Augen öffnen. „Ich könnte mich Jahre lang mit einem einzigen Blatt auseinander setzen“,  bekennt er seufzend, „diese Variationen von Farbtönen, Millimeter für Millimeter – man kann es gar nicht zu Ende sehen.“

 

Mit Pflanzen hat Dietmar Brixy schon immer gelebt, aber seit er sein Domizil in einem sorgfältig restaurierten historischen Pumpwerk in Mannheim (Baujahr 1903) einrichtete, sind seine Anschauungsmöglichkeiten unendlich gewachsen: Ein von ihm selbst gestaltetes und noch nicht zu Ende bearbeitetes Gartengrundstück zieht sich um den großen, als Wohnhaus, Atelier und Ausstellungsort genutzten Industriebau herum, und da stehen nicht nur zahllose, eigenhändig gepflegte Kübelpflanzen, sondern auch Rosen, Wein (Thema eines ganzen Bilderzyklus 2004), Akazien, ein Olivenbaum,  Zypressen, Palmen, Rhododendron, Kamelien von bewundernswerter Größe und Blütenpracht, sowie an der Südfront eine meterhohe Bambusgruppe.

 

Klar, dass Brixy mehrere Bildhauerwerke aus seiner Frühzeit in die Natur integriert hat und dabei ein glückliches Händchen hatte. Klar aber auch, das er es sich in einer lauschigen Ecke gemütlich machte mit Liegestühlen, Tischchen und einem in den Zweigen darüber pendelnden, mit Kerzen bestückten Radleuchter. Hier kann er lesen, frühstücken oder nachdenken, und besonders Letzteres scheint er häufig zu tun, bei welcher Gelegenheit sonst würde seine Beziehung zu Pflanzen immer intensiver? Das Ergebnis des Jahres 2005 fasste er in der Werkgruppe „Roots“ (Wurzeln) zusammen, und den Untertitel „Japonica Extravaganza meets Dahlia dramatica“ muss man nicht allzu wörtlich nehmen, denn die Fülle von neuen Bildern in großen ebenso wie in fast intimen kleinen Formaten widmet sich vornehmlich dem Bambus, wenn auch nicht ausschließlich.

 

Der riesige Bambus am südlichen Gartenzaun muss dem Maler einfach sehr nah stehen, vielleicht hat die Pflanze geradezu ein Aha-Erlebnis in ihm ausgelöst, erinnern doch ihre charakteristischen Wachstumsknoten an die Sprossen von Leitern oder an die Rippenwülste von Schneckenhäusern – und das sind Motive, wie sie sich seit Beginn in Brixys Malerei finden. Seit er überhaupt malt (seit den späten achtziger Jahren), erobert er sich mit zunehmender Intensität einen eigenartigen inhaltlichen Bereich zwischen archaischer Tiefe einerseits und Symbolen von Wachstum und Entwicklung andererseits. Die Leiter war stets Zeichen einer Loslösung von Bindungen und einer fortschreitenden Entwicklung. Das Schneckenhaus ist in Brixys Formenkanon damit verwandt, indem es ebenfalls „Sprossen“ entwickelt, aber um sein eigenes Zentrum wächst – tun wir das im Idealfall nicht alle und der malende Brixy selber auch? Nun lieferte ihm der Bambus eine erneute Bestätigung, wie dramatisch ein Lebewesen mit inneren Triebkräften voranpreschen kann, ganz abgesehen von überraschenden Erkenntnissen, wie sie bereits in der Sprache verborgen sind: Bambussprossen – Leitersprossen – bereits über das gemeinsame Wort erweist sich eine latente Verwandtschaft.

 

Aus den Formen gebogener Bambusstängel ergaben sich plötzlich für Brixy auch andere Bildformate, nämlich der Tondo, das Rundbild. Oben das Ölbild "Dreaming Bamboo-Bubble" (2006) im Original-Durchmesser von 2 Metern, unten dasselbe Werk als Detail mit der Zentralpartie und dem rechten Rand.

 

 

Aber der Bambus gibt nicht nur eine Formvariante in Brixys neuen Bildern ab. Vielmehr ist Brixy als Maler auch von „innen“ und ganz aus sich selbst heraus noch einmal weiter gewachsen, wenn man das so ausdrücken darf. Noch nie waren seine ohnehin schon vielschichtigen Bilder so dicht, so komprimiert in ihren Strukturen und Farben. Noch nie waren sie auch so schwierig zu sehen. Der Blick, der notgedrungen von der Oberfläche aus in die Tiefe sondieren muss, steht zunächst vor einem fast undurchschaubaren Gewebe, das nur vermeintlich klar und transparent gegliedert ist. Die Riesenstängel des Bambus (Brixy: „Der wächst manchmal 40 bis 50 Zentimeter am Tag“) schlagen gerade auf den großformatigen Bildern Halb- und Viertelkreise, die die Malfläche von einer Kante zur anderen in weitem Ausgreifen durchmessen. Oder sie ziehen sich als dicke rote Stämme quer, fast waagrecht durchs Bild. Das Motiv der Wachstumsknoten kann als Gerade, als Kurve, als vertraute Erinnerung an die Leitersprossen ebenso wie an Nabelschnüre oder die Rippen eines Bootes auftreten.

 

Aus den doch recht klar lesbaren Stängeln (dass Bambus zur Familie der Gräser zählt, glaubt angesichts solcher machtvoll drängender Riesenbilder niemand mehr) platzen seitlich wie in kleinen Explosionen Blüten hervor, fedrige Büschel, leuchtende kleine Bänder, flatternd, strotzend. Auf anderen Bildern sind Blüten aus saftigen breiten Farbflächen entstanden, offenbar mit dem Spachtel in konzentrische Kurven gelegt wie ungeduldig aus Knospen sich entfaltende Blütenblätter. Ranken zwischendurch, in Bögen gekämmte Farbschichten, die entlang der Millimeter feinen Kammgrate tiefer liegende Kontrastfarben erkennen lassen, und daneben und darunter wieder andere Farben, alles sprüht und vibriert in Grünbraun vor Rotblau, wiederholt sich in Violett und giftigen Blautönen, denn mit den Farben hält Brixy sich offenbar nicht mehr zurück. Mutig wie ein Eroberer, der sein Terrain nach Jahre langem Erkunden nun endlich atemlos durchmessen muss, setzt er Magenta vor Hellgrün oder dunkle Braun-Grün-Blau-Violetts vor hellgelbe Tiefen und riskiert, dass der Betrachter, von schmerzendem Weiß-Rot-Orange-Gelb gegen Magenta-Grün-Schwarz geschockt, erst mal zurücktreten muss, um derart chaotische, noch dazu an etlichen Stellen dick und pastos aufgetragene Schichten zu ertragen.

 


Detailaufnahme eines Bildes mit saftiger Blütenstruktur. Die explosiven, kurvigen Partien trägt Brixy in pastosen Schichten meist mit Spachtel oder Fingern auf. Oft wird die angetrocknete Farbe später partiell geritzt oder abgetragen, wodurch tiefere Kontrastschichten hervortreten und der Duktus eine gegenläufige Struktur bekommt.

 

Farben als Sprengstoff. Im Gewirr zwischen feinsten oder breiten, bänderartigen Linien entdeckt man nach unbeirrtem Hinsehen Motive wie Vogelkörper, Fische, Geckos und Schildkröten, Muscheln und sogar riesengroß, aber wie durchsichtige Schatten in den Hintergründen, menschliche Figuren. Dass die Form von Blüten mit der von Muscheln verwandt ist, liegt auf der Hand, und mitunter ist nicht eindeutig, ob das eine oder das andere oder aber beides gemeint ist. Vögel sind bei Brixy Zeichen von Leichtigkeit wie von Vitalität, als Eroberer des Luftraums stehen sie sowohl für einen Pioniergeist, der in die Zukunft drängt, als auch für urtümliche Geborgenheit. Schildkröten, vor allem aber Geckos, nehmen mit ihrer Gestalt, die von Kopf, Rumpf und „Händen“ geprägt wird, die menschliche Figur in einer frühen Entwicklungsstufe vorweg. Und der Mensch, nach langem Hinsehen und Durchdringen der Bildschichten gerade noch erahnbar, aufrecht, die Arme erhoben, scheint sich als flüchtig verwehender Schatten aus dem Ansturm der Kräfte zu lösen. Der Mensch besetzt die verletzlichste, am wenigsten greifbare, am wenigsten körperhafte Bildebene bei Brixy; kaum erkannt, zweifelt man schon wieder, ob man sich nicht geirrt hat, indem man eben noch glaubte, eine Figur wahrzunehmen.

 

Mit solchen Bildern scheint Brixy unbeabsichtigt die Geschichte der Evolution nach zu vollziehen. Alles ist in Bewegung, taumelt, wächst, drückt sich hervor aus Strudeln von Farben. In Wind oder Wasser schwankende Pflanzenstängel, erinnernd nicht zuletzt an pulsierende Nabelschnüre, dominieren über die Figur, und auf manchen Bildern hat der Bambus als die massivere, haltbarere Lebensform glatt den Menschen ersetzt. Und doch erweisen sich die chaotischen, in ihrem unglaublichen Mikroreichtum kaum durchschaubaren Formkräfte der Natur als logisch in diesen Bildern. Tritt man zurück, um sich dem Ansturm etwas zu entziehen, entdeckt man von neuem eine charakteristische Leichtigkeit, die bei Brixy zugleich Tiefe ist.

 

Das neue Domizil, das Leben mit Pflanzen, es wirkt sich als stärkend und fordernd für seine Malerei aus, die sicher noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten steht. Die Farben, die Formen haben Raum bekommen, das Atelier ist von Farbspuren übersät, Tische, Boden, Geräte, Farben überall, gezähmt immerhin manchmal. In unzählbaren Töpfen, Gläsern, Schüsselchen, Eimern stehen Farbreste, Tuben, Pinsel, Zahnbürsten, Lattenstücke, hier und da Verdünner, und zwischendurch an Fensterbänken, Tischen, Ablagen auch im Wohnbereich trockene Pflanzen, Versteinerungen, Muscheln, archaische Figuren – und die Ruhekörbchen für die stets herum tollenden Hunde Fred, Freddy und Sheila. Der Maler drückt seinem Lebensraum den Stempel auf und der Lebensraum wiederum prägt auch ihn. Ein fruchtbares, jeden Besucher befruchtendes Wechselspiel.

 

Info:

Dietmar Brixy, Altes Pumpwerk, Aufeldstraße 19, 68199 Mannheim, Ausstellung „Roots“ vom 2. Oktober 2005 (Eröffnung 11-17 Uhr) bis 30. Oktober 2005, Besichtigung nach Anmeldung Tel. 0621-1561436, www.brixy.de

kostenlose counter