Dietmar Brixy und das alte Pumpwerk

 

 


Die Südwestfassade des alten Pumpwerks in Mannheim-Neckarau mit dem Haupteingangim Jahr 2003. Der Maler Dietmar Brixy hatte nach seinem Einzug den verwilderten Garten zunächst mit Kübelpflanzen und einer Teilpflasterung neu gestaltet.

 


Das Südfenster des Pumpwerks - an der Außenwand ein idealer Platz für Kakteen, Euphorbien und andere wärmeliebende Sukkulenten

 

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Fotos auf dieser Seite: Manfred Rinderspacher (mit freundlicher Genehmigung)

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Dietmar Brixy Bilderserie "Beyond"

Dietmar Brixy Bilderserie "Roots"

Dietmar Brixy Bilderserie "Eden"

 

19-10-2003

Ein altes Pumpwerk als Lebens- und Arbeitsraum

Der Mannheimer Maler Dietmar Brixy richtete sich 2003 in einem stillgelegten Industriebauwerk häuslich ein

 

Von Christel Heybrock 

 

Man musste schon ziemlich mutig sein, um keinen Schock zu kriegen. Jedenfalls noch vor ein, zwei Jahren. Dietmar Brixy war damals sogar mehr als mutig: Er sah das verfallende Gemäuer an der Peripherie von Mannheim, kroch ihm in den Untergrund, wo der Maschinenraum leise rostete und ein mehr als mannshoher Abwasserkanal richtig schön feucht und matschig war, und dachte sich: Hier und nirgends sonst willst du hin. Ein entnervter Investor hatte ihm das stillgelegte Pumpwerk in direkter Nachbarschaft des Mannheimer Großkraftwerks mal gezeigt, weil er nämlich selber in dem Riesenkasten mit dem Plan gescheitert war, eine Erlebnisgastronomie einzurichten: Die Nachbarn auf der andern Straßenseite hatten Lärm und Störungen befürchtet. Dietmar Brixy aber konnte nach dem coup de foudre der Liebe auf den ersten Blick nichts mehr schrecken. Er zog den Speyerer Architekten Mathias Henrich heran, der schon mehrere schwierige, denkmalgeschützte Objekte kunstgerecht restauriert hatte, schaltete die Denkmalschutzbehörden von Stadt und Land ein, biss die Zähne zusammen und machte sich ans Werk.

 

„Des Tor is awwer gar net schee“, moniert der Mann mit dem Hund, als Brixy auf die Straße tritt und ins Auto klettert. „Des Tor passt ja net, des is vill zu originär!“ Brixy ungerührt: „Tja, ich hab halt keinen Geschmack!“ Und murmelt hinter dem Nachbarn und dessen wenig glücklichem Umgang mit Fremdwörtern her: „Das Tor bleibt. Das offene Gitter bisher war ja eine Katastrophe. Dauernd kam der Typ mit seinem Hund vorbei und hat Fred und Freddy nervös gemacht. Jetzt ist Ruh!“ Das Tor ist schwarz, groß und blickdicht, und das ist auch nötig, denn hatten es die Nachbarn früher nicht leise genug, so scheint während der Umbau-Arbeiten die halbe Straße hinter den Gardinen zu stehen, um zu beobachten, was da alles vor sich geht auf dem überwucherten Grundstück mit dem an der Giebelfront fast kathedralenartig hohen Gebäude. Und Leute, die „zufällig“ ihren Hund spazieren führen, werden schon mal zur Quelle von Unruhe, denn Fred und Freddy sind selbst Vierbeiner, denen sich mittlerweile noch die „blonde“ Sheila zugesellt; mit dem schwarzen Tor ist das Problem gelöst.

 

Gott sei Dank liegt die Südwestfassade mit dem Haupteingang und dem stufenförmig ansteigenden Kathedralgiebel nicht zur Straßenseite, sondern tief im Innern des Grundstücks, da, wo Brixy den verwilderten Garten bereits mit einem Steinmosaik, Kübelpalmen und Gartenmöbeln zur einladenden Terrasse umfunktioniert hat. Zur Straße hin ist nur eine Schmalfront mit holzüberdachter Veranda zu sehen. Dass aus den Fenstern überm Verandadach der neue Hausherr von Bad oder Schlafzimmer aus beobachten kann, wer sich eventuell an seinem Tor zu schaffen macht – das ahnt ja keiner, und es dürfte auch den meisten Nachbarn irgendwie merkwürdig vorkommen, wie Brixy sich mittlerweile in dem 1903 errichteten Backsteinbau des aus Stettin stammenden Baumeisters Richard Perrey (1866-1937) eingerichtet hat (Perrey hat in Mannheim zahllose, das Stadtbild prägende Bauten hinterlassen).

 

Wer kann schon begreifen, dass einer unbedingt dort sein Wohnzimmer haben wollte, wo früher eine Kläranlage mit Sickergrube war! Das ganze Pumpwerk mit seinem ebenso faszinierenden wie etwas unheimlichen Maschinensaal und dem feuchten Untergrund diente zwischen 1904 und 1986 dazu, die Abwässer des Mannheimer Stadtteils Neckarau auf Niveau des Hauptsammelkanals zu bringen, und man muss zugeben, dass Perrey den banalen Zweck mit einem höchst ästhetischen Bauwerk adelte. Nicht nur die Außenfronten mit den hohen, leicht zugespitzten Rundbogensprossenfenstern und dem Spiel der Mauern aus roten Backstein-, weißen Putz- und grünen Zierflächen sind ein schönes Beispiel für die „Industriegotik“ der Entstehungszeit. Auch innen hat er so manche Annehmlichkeit hinterlassen wie etwa die beiden riesigen Voluten an den Wänden überm Sickerbereich. Den Zugang zu einem dort senkrecht in die Tiefe steigenden, runden Schacht lässt Brixy erst mal von einer vergoldeten Buddhastatue bewachen..

 

Kam einem der vergammelnde Bau trotz seiner respektablen technisch-ästhetischen Vergangenheit früher wie ein sperriger Klotz vor, so hat sich der Eindruck inzwischen gewandelt zur Abenteuerburg mit überraschenden Aufgängen, Abstiegen, Durchblicken und einer Zukunft, in der sich Privatheit und Offenheit treffen. Mit bemerkenswerter Leichtigkeit (das wird Brixy selber ganz anders sehen) hat sich der neue Besitzer das Pumpwerk zu eigen gemacht und in den Griff bekommen. Schon blühen Rosen am Gartenzaun, schon wurde an der Südseite des Gartens weitab von der Straße eine Ecke mit prächtigen Kakteen eingerichtet und die Außenbänke der hohen Sprossenfenster mit zum Teil seltenen Fundstücken ausgestattet: Hier liegen kleine Amethystdrusen, Achatscheiben, Versteinerungen und Mineralien, die Brixy in loser Folge aus Liebe, nie mit festgelegtem System gesammelt hat. Und weil ein Baum mit den Jahren ins Mauerwerk gedrungen war und gefällt werden musste, hat Brixy wenigstens die mächtige Wurzel erhalten und zum dauerhaften Sockel seines Wohnzimmerglastischs gemacht.

 

Das Wohnzimmer ist denn auch das Zentrum des 700-Quadratmeter-Domizils. Von dem mit Perreys Wandvoluten ausgestatteten, aber inzwischen weiß verputzten und mit einem Kamin mollig heizbaren Raum geht es zur Straßenseite hin zur Haustechnik und in einen privaten Schlaf- und Badezimmertrakt nach oben (für ein Gästeappartment ist dort natürlich auch gesorgt). Zur andern Seite des Wohnzimmers schließt sich die Küche an, der Brixy nur geringfügig weniger Bedeutung zuzumessen scheint als seinem Atelier: Getrennt durch eine Milchglasschiebetür, kann er hier für sich und seine Gäste zwischen Hightechgeräten und einem Prachtstück von antikem Schrank die leckersten Speisen zaubern, inspiriert von einem alten Kronleuchter und einer riesigen Schwarzweißfotografie von Peter Schlör. Über der Küche liegt sein kleines Büro, von dem aus er hinunterschauen kann ins Wohnzimmer. Zum Malen und großzügigen Probehängen seiner ja nicht immer kleinformatigen Bilder steht Brixy der ganze Südtrakt zur Verfügung.

 


Im Maschinensaal zwischen rostigen Rädern und Treibriemen ist jede Menge Platz für Brixys Bilder. Hier kann er nicht nur malen, sondern auch eigene Ausstellungen veranstalten.

 

 


Der Meister in seinem Reich - der Blick geht vom lilafarbenen Sofa im Maschinensaal nach oben zu den großen Fenstern, von denen jede Menge Licht nach unten fällt. Für Brixy ist das alte Pumpwerk ein Glücksfall.

 

Die Maschinen dort hat er blankgeputzt und nutzt sie im Atelier als machtvollen skulpturalen Gegenpol seiner feinen, schwebenden Bildstrukturen, den schwarzen Rohren antwortet er sozusagen mit seinen lichten, leuchtenden Farben. Und Platz ist immer noch genug für ein Depot und sogar für eine Bibliothek unter einer der zugespitzten Rundbogennischen in der Mauer, die den Fensteröffnungen im Erdgeschoss entsprechen. Ganz abenteuerlich wird es noch eine Etage tiefer, wenn man über Gittertreppen in die Unterwelt kommt, die inzwischen gesäubert und trocken gelegt wurde. Der hervorragend gemauerte, 25 Meter lange Abwasserkanal ist zur Zeit noch eine tolle Rennstrecke für Fred, Freddy und Sheila, ließe sich aber auch zum Weinkeller verwandeln.

 

Aus dem gelinden Albtraum, den der Bau einst abgab, hat Brixy eine Stätte gemacht, in der Phantasie und Ratio einander beflügeln. Es hat während der Bauarbeiten Stresssituationen gegeben, die andere Bauherren zur Verzweiflung getrieben hätten, und dazu gehörte nicht nur der Verwirrung stiftende Umstand, dass der Schlosser ausgerechnet Herr Glaser heißt, sondern auch, dass der neu eingezogene Wohnzimmer-Estrich, der aus der einstigen Sickergrube zwei ordentliche Stockwerke machte, sich plötzlich als drei Zentimeter zu hoch erwies. Brixy hat sich mit Humor und Gelassenheit durchgesetzt. Was das ist in ihm, dass er ausgerechnet diese große Liebe in sein Leben lassen musste, diese mühevolle Sanierung eines Untergrundes, der ja eigentlich zu den Gedärmen der Stadt gehörte?

 

Die Auseinandersetzung mit Tiefen und Untiefen hat schon immer zu seinen Antrieben gehört. Seine Bilder enthalten Symbole der Tiefe, des Abstiegs in dunkle Gewässer und der Erdgeschichte ebenso wie Symbole der Fortentwicklung - Leitern, Sprossen, Spiralen. Bevor er „sein“ Haus fand, hat er Tauchreisen nach Mexiko und Malaysia unternommen, das Tauchen war immer auch eine Form der Selbsterforschung. Seine Bilder mit den gewichtslos dahinflutenden, schemenhaften Figuren und den durchscheinenden Farben geben den dicken Mauern und riesigen Räumen eine ungeahnte Leichtigkeit, scheinen sie zu öffnen in eine andere Dimension. Dabei hängen auch mal Arbeiten von Kollegen daneben, und überall gibt es kleine stumme Gespräche zwischen Dingen, Fundstücken, Kunstwerken, Pflanzen, man muss nur hinsehen. Wer die Villa Brixy entdeckt, entdeckt auch eine Person ...

 

Info:

Website www.brixy.de

E-Mail info@brixy.de

Fax 0621-1225444

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