Dietmar Brixy

Bilderserie "Eden"

 


"Perat", eine Feigensorte, benannt nach einem der legendären vier Flüsse, die durch den biblischen Garten Eden führten.
Der "Eden"-Zyklus von Dietmar Brixy entstand im Jahr 2009 nach Inspirationen durch die Feigenbäume in seinem Garten.

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/BrixyEden.html

 

Fotos auf dieser Seite: Peter Schlör/Copyright Dietmar Brixy (mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)

Sitemap

Übersicht Bildende Kunst

 

Dietmar Brixys Domizil im Alten Pumpwerk Mannheim

Dietmar Briys Bilderserie "Roots"

Dietmar Brixys Bilderserie "Beyond"

 

10-03-2010

Das Paradies, ein Tanz von Mensch und Pflanze

„Eden“, Bilderserie des Malers Dietmar Brixy 2009

 

Von Christel Heybrock

 

Es gibt heute nicht mehr viele Menschen, die den Gesang einer Lerche kennen. Aber vor Jahren hatte jemand die Idee, eine Tonaufnahme des Lerchengesangs zu machen und mit langsamer Geschwindigkeit abzuspielen: Es hörte sich an wie Koloraturen einer Opernarie. Wenn Menschen damit befasst sind, die Äußerungen anderer Lebewesen zu verstehen, gibt es auch den umgekehrten Weg. Was beispielsweise im Pflanzenreich vergleichsweise langsam und großenteils verborgen abläuft, spielt sich bei dem Maler Dietmar Brixy in dynamischen Bewegungen ab: Er malt die Proliferation pflanzlicher Zellen, das Wachstum, den energischen Drang von Pflanzen, sich auszudehnen.

 

Brixy verfolgt keine wissenschaftlichen, ja nicht einmal rationale Ansprüche. Er liebt Pflanzen. Er lebt mit ihnen, sie sind Gefährten, deren Verhalten er beobachtet und erkundet, indem er sich in seinem eigenen Leben orientiert. Dass Pflanzen einfach dumm und bewusstlos in der Erde stünden, dieser Mangel an menschlicher Wahrnehmung ist von Wissenschaftlern in den letzten Jahrzehnten gründlich revidiert worden. Botaniker (leider noch längst nicht die Hausfrau mit ihrer Fensterbank oder der rasenmähende gärtnernde Ordnungsfanatiker) wissen, dass die stummen Sauerstoffspender sich mit höchst sensiblen Tentakeln im Erdreich vorantasten und dass sie Zellen haben, mit denen sie sogar akustische und soziale Fähigkeiten entwickeln können.

 


"Kassaba", ein Ölbild auf Nessel (90 x 120 cm) aus Brixys "Eden"-Zyklus von 2009.

 

Brixys aus Erfahrung, Intuition und einem paradiesischen Garten entstandene Kenntnis von Pflanzen fand 2009 in dem Bilderzyklus „Eden“ ihren vorläufigen Höhepunkt, und wenn man sich die Energie und filigrane Differenziertheit seiner Malerei vor Augen hält, kann man sich eine weitere Steigerung kaum vorstellen. Der Zyklus „Eden“ thematisiert vor allem seine Feigenbäume, die, wie er sagt, „drei mal im Jahr Früchte tragen“ und somit alle Fähigkeiten lebender Pflanzen in sich vereinen: Produktion, Fülle, Selbstverschwendung, Bewegung von innen her (Pflanzen haben Zellen, die menschlichen und tierischen Muskelfasern ähnlich sind) – mit anderen Worten, sie sind das Glück schlechthin. Was die Feigenbäume im Garten machen, vollzieht Brixy auf den Leinwänden; in seinem Wohnraum im alten Pumpwerk hing im Sommer 2009 riesig auf der Querwand das Werk „Edge of Eden“, ein Gewirr und Getupfe aus Farben und Lebenskräften, aufgelöst in feines Sprühen, in tausendfache Bewegung, ein einziger sich erneuernder Prozess, den man nicht zu Ende wahrnehmen konnte.

 

Dabei gibt es in den “Eden“-Bildern zugleich Erinnerungen an Brixys schemenhafte menschliche Figuren, die lange Zeit ein wichtiges Thema seiner Arbeit waren und die flüchtige Rolle des Menschen in der Evolution des Lebens reflektierten. Präsent vor allem sind jedoch die Energien der Pflanzen, die Motive des Aufplatzens von Früchten, ihre prallen Rundungen. Feinste Kleckerspuren, Windungen, wie man sie auf Achaten und anderen Halbedelsteinen sieht, ein gepresstes Fließen und Mäandern von Lebenssäften – zu diesen Bildern gesellen sich wie von selbst in Brixys Domizil Dinge mit verwandten Formen, beispielsweise große Scheiben versteinerten Holzes mit ganz ähnlichen Farben und Strukturen. Sein Lebensgefährte David Richardson rückt in scheinbarer Zufälligkeit violette Orchideen in die Nachbarschaft von Bildern mit dominierenden Rosatönen, setzt Grün neben einen Amethyst oder ein orangeblaues Sommerbild neben eine Buddhafigur mit orangefarbenem Blütenkranz.

 


"Gihon", ein Bild wie ein Juwel. Auch diese Feigensorte erinnert an die Flüsse des Paradieses. Das Gemälde indes zeigt die inneren Kräfte einer Pflanze ebenso wie das Sprühen ihrer Energie in die Umgebung.

 

Brixy malt unter anderem mit den Händen, greift in die Farbtöpfe, schleudert, kleckert, verschmiert das leuchtende Material auf den Leinwänden, mäandert mit den Fingern just so, wie die Feigen sich in die Luft und zur Sonne gewunden haben, und drückt manchmal sogar echte Blätter in die feuchten Farben, deren Schichten niemand mehr zählen kann, obwohl sie von unten her durchscheinen und durch Kratzen partiell freigelegt werden. Die Gesten der Pflanzen in der Luft vollzieht Brixy mit Armen und Händen auf den Leinwänden – Mensch und Pflanze insgeheim verbunden in einer Choreographie schöpferischer Energien. Die „Eden“-Bilder leben aus dem Kontrast zwischen dicken, runden Formen der Feigenfrüchte und den alles überziehenden feinen Farbbändern und Farbflüssen. Sie leben auch aus dem Kontrast zwischen dunklen Ästen und einem mitunter fast transparenten Gewölk von Früchten. Eine solche Dichte hat Brixy auch in seinen besten früheren Bildern nicht erreicht, und Wörter sind auch nicht mehr geeignet, sie zu definieren. Es ist, als würden die schlingernden Farbwege vor lauter Vitalität gestaucht und als wüssten die Kräfte kaum noch wohin. Dabei stauen sich Energien nicht nur in den großen Formaten, sondern auch in kleinen 18 x 24 cm -Bildern: Es sind die reinsten Explosionen des Lebens.

 


"Pischon", ein leichter, fast schwebender Pflanzentraum. Äste, in denen Säfte brausen, und Früchte, die noch nicht ganz "da" sind, als seien sie vom Feigenbaum nur erst angedacht. Ein weiteres paradiesisches Beispiel aus Dietmar Brixys "Eden"-Zyklus.

 

Schwarz, Graugrün, ein dunkel leuchtendes Blau hinein sinternd in Weinrot, Violett, Gelb – Brixy ruft Farben zusammen, die man kaum je nebeneinander wahrgenommen hat, schmiert mit dem Spachtel, fährt feuchte Bahnen in vibrierenden Rüttelbewegungen mit dem kleinen Finger, Tuben oder Töpfe kommen zum Einsatz, sechs, sieben Farben auf einmal werden verteilt in jenem Tanz, der dem der Pflanze gleichkommt, die im Garten wächst: ein Körpereinsatz ist das für beide. Bei aller Dynamik wirken diese Bilder niemals schwer und gewalttätig. Früchte und Blattwerk, die sich um die farbgesättigten Äste und Zweige gruppieren, muten häufig fast transparent an, als wären sie noch nicht ausgereift, sondern nur die Gedanken der Bäume. Was Brixy malt, sind nicht nur die unsichtbaren Säfte, die unter der Rinde in den Pflanzen brausen, sondern auch ihr Sprühen in die Umgebung, ihr Duft, ihre Aura. Wie schade, dass seine Feigenbäume keine Augen haben, um „ihre“ Bilder zu sehen.

 

Info:

Der Zyklus „Eden“, entstanden im Sommer 2009, war im Pumpwerk Mannheim-Neckarau vom 20. September bis 18.Oktober 2009 zu sehen (Aufeldstraße19), www.brixy.de

kostenlose counter