Dietmar Brixy

Bilderserie "Beyond"

 

Ein Baum aus Innensicht, ein Olivenbaum, gemalt wie ein kostbares Mineral. Das 100 x 160 cm große Bild ist Teil der Serie "Beyond", die Dietmar Brixy im Sommer 2008 in einem atemlosen Schaffensrausch schuf.

 

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Fotos auf dieser Seite: Peter Schlör/Copyright Dietmar Brixy (mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)

 

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Dietmar Brixy im Alten Pumpwerk

Dietmar Brixy Bilderserie "Roots"

Dietmar Brixy Bilderserie "Eden"

 

23-10-2008

Aufbruch zur Grenzüberschreitung

„Beyond“, eine Bilderserie Dietmar Brixys über Oliven- und Ginkgo-Bäume

 

Von Christel Heybrock

 

Warum muss einer malen?  Blöde Frage: weil er lebt.

 

Der Garten von Dietmar Brixy am Alten Pumpwerk in Mannheim-Neckarau hat sich in den fünf Jahren verändert, seit der Maler seinen Lebensmittelpunkt hierhin verlegte. Der Garten ist dichter und artenreicher geworden, noch im Herbst blüht ein Trompetenbaum, schon im Herbst haben die zahlreichen Kamelien, die hier im Freien überwintern, Knospen, teilweise gar Blüten ausgetrieben. Eine Kupferverkleidung auf dem Dach des historischen Pumpwerks musste erneuert werden – Brixy schuf aus dem alten Kupferblech eine Abschlusswand am Gartenzaun, über die unablässig Wasser rieselt, ein senkrechter Brunnen, der ein lauschiges Plätzchen mit Liegestühlen abschließt und zugleich das Kupfer immer weiter verändert zu einem lebendigen Bild.

 

Auch ein Pavillon entstand; in den Öffnungen einer von Brixy vor Jahren geschaffenen, mannshohen Stele, die am Eingang steht, brüteten Kohlmeisen im Frühjahr, und an den Wänden des kleinen Bauwerks sind neue Bilder als Fortsetzung der Herbstausstellung „Beyond“ zu sehen, die sich im übrigen fast durchs ganze „Haus“ erstreckt. Der Sommer 2008 scheint für Brixy eine Zeit atemloser Schaffensenergie gewesen zu sein. Wie schon bei den vorangegangenen Jahresausstellungen „Weinlese“ (2004), „Roots“ (2005) und „Grow“ (2007) standen auch 2008 bestimmte Pflanzengattungen im Vordergrund. Waren es der Bambus bei „Roots“ und die Irisblüten bei „Grow“, so sind es nun Olivenbäume und der Ginkgo, die den Maler an seine Farbtöpfe trieben. Der Ginkgo in seinem Garten allerdings ist mit rund 20 Jahren noch relativ jung – die Bäume können gut fünfmal so alt werden. Aber die Oliven: je eines dieser knorrigen Lebewesen bewacht links und rechts neben dem Rundbogen-Eingang das Haus, allein durch diese Funktion schon mussten Olivenbäume irgendwann Brixys Antwort herausfordern.

 

Schade, dass Bäume nicht sehen können, sie würden sich in einer unerschöpflichen Vielfalt von ihm porträtiert fühlen. Muten die Ginkgo-Bilder mit ihren zarten Fächerblättern vor kontrastierenden Hintergründen etwas japanisch an, flächig, auf kostbare Weise fein und dekorativ, so finden die Olivenbilder kein Ende mit ihren kraftvollen, urtümlichen Wachstumsknubbeln und den leuchtenden, manchmal auch erdig dunklen Farben. Der Bambus in der Serie „Roots“ hatte mit der Biegsamkeit seiner „Halme“ Brixy zu runden, bogenartigen Strukturen und sogar zum Tondo inspiriert. Weinranken dagegen symbolisierten mit ihrer tastenden Suche nach vertikalem Halt vor Jahren das Vorwärtsdrängen mal in horizontale, mal in kurvige Linien, das Weinlaub führte aber auch zu einer Komprimierung von einander überlagernden Grüntönen.

 

Mit den Oliven verhält es sich anders. Äste wachsen nun abenteuerlich horizontal, scheinen nach einer kurzen, heftigen Wegbiegung nach oben oder unten schließlich parallel zur Erde wieder zu sich selbst zu finden, und Brixy fragt offenbar intensiver als bisher, was sich abspielt, innen, unter der Rinde solcher Geschöpfe, welche Energien, welche Säfte, welches Drängen sie antreibt. Seine Olivenbilder sind malende Erforschungen eines Lebewesens, sind empathische, fragende Nachschöpfungen von Natur. Das läuft nicht über den Kopf, nicht über kühles Sezieren, sondern über den eigenen Körper. Schon bei den Irisblüten von „Grow“ benutzte Brixy mehr und mehr die eigenen Hände statt des Pinsels. Das hat sich bei „Beyond“ noch verstärkt. Die Kunsthistorikerin Anuschka Koos vom Münchner Lenbachhaus zog in ihrer Eröffnungsrede zu „Grow“ den Vergleich zur Arbeit eines Gärtners mit der Erde, und tatsächlich schaufelt Brixy das Farbmaterial pastos auf die Leinwände, modelliert Kurven, gräbt Linien hinein, lässt Partien antrocknen und ritzt den kontrastierenden Untergrund heraus, trägt das Material stellenweise mit dem Spachtel wieder ab, legt Schichten frei ... nur dass alles vertikal geschieht und nicht in gebückter Haltung wie beim Gärtnern.

 

Brixy malend - mit Kopfschutz, Gummihandschuhen und kleinem Spachtel. Bei großen Formaten muss auch schon mal eine Leiter her. Das Foto nahm sein Lebensgefährte David Richardson auf.

 

Malen ist bei Brixy eine zunehmend körperliche Arbeit, es sind seine Arme, die in ausgreifenden Schwüngen oder kurzen Gesten das Bild prägen, es sind seine Bewegungen, seine Schritte, sein Sichaufrichten, Sichbücken, es ist seine physische Energie, die sich im Bild dokumentiert, sein Körper ist der Pinsel. Es ist keine Ausübung einer Stilrichtung, sondern Ausdruck von Intensität, es ist Malerei als konzentriertes Leben in einer selbstvergessenen Choreographie. Bilder als Dokumente eines Körpers, der sich bewegt hat, dessen Arme Bögen schlugen, dessen Füße das Maß angaben für das horizontale Vorwärtsdrängen der Farben. Aber Brixy ist kein abstrakter Maler, obwohl man seine Bilder auch ohne den Bezug zu Pflanzen rezipieren kann – man würde dabei freilich eine Tiefendimension übersehen. Mit Wörtern ist fast nicht zu definieren, was Pflanzen für ihn bedeuten. Modelle im Sinn von Abbildlichkeit sicher nicht. Es sind eher Lebensgefährten, deren Entwicklung, deren Rhythmen er mit Freude beobachtet, so wie das die meisten Pflanzenliebhaber tun. Aber warum muss er sie malen?

 



"Red Horizon", der Ast eines Olivenbaums mit bloßgelegten Innenleben

 

Sie scheinen in ihm Antworten zu wecken, er muss offenbar auf die Lebenskräfte von Pflanzen mit seiner eigenen Energie, seinem eigenen Leben antworten. Die Wachstumsbewegungen der Olivenäste – denn auch Bäume bewegen sich, indem sie ihren Standort definieren – fordern die des Malers heraus, und die lebenden Skulpturen, zu denen die Bäume sich formen, entsprechen den Gesten des Malers in zweidimensionalen Bildern. Der Baum dort, das Bild hier ... wo ist der prinzipielle Unterschied? Pflanzen als entwicklungsfähige, zielstrebige Lebewesen, so nimmt Brixy sie wahr und so empfindet er sie wohl als zutiefst verwandt mit seinem eigenen Drängen. „Beyond“, die Bilder eines Sommers als Überschreitung von Grenzen, als Integration von Unterschieden, die wir normalerweise als unaufhebbar definieren.

 

Diese empathische Wahrnehmung ist so weit getrieben, dass eine Vertiefung kaum noch möglich scheint. Was macht ein Maler, der das Äußerste an intuitiver Erkenntnis erreicht hat? Vielleicht etwas anderes. Vielleicht muss er von solchen Gipfeln zurück, um nicht stehen zu bleiben. Deuten sich da zwei Dinge an, denen Brixy folgen könnte? Das eine: seine Olivenbilder sind derart dicht aus Farbschichten, Schlieren, Bändern und Spritzern komponiert, dass sie eigentlich an Längsschnitte durch die Pflanzen erinnern. Bilder wie „Nabali“ oder „Bosana“ scheinen den verborgenen Verlauf der Säfte und Zellstrukturen freizulegen, in einem Reichtum von Farben, der die Bäume als hoch differenzierte Organismen erkennen lässt. Es scheint sogar, als flössen geheime Glutströme im Innern dieser Äste, Farbbänder von solchem Leuchten und solcher Klarheit, dass sie auch an die erstarrten Muster in Mineralien erinnern. Die Schönheit der Steine, auch sie ist durch enorme Kräfte, durch Feuerflüsse, durch langsames Wachstum von Kristallen entstanden, und dass Brixy Steine sammelt, kommt ja nicht von ungefähr. Werden in Zukunft Achate, Amethystdrusen, der grün gebänderte Malachit und der wasserklare Bergkristall die Pflanzen in seinen Bildern ablösen? Es ist eigentlich kaum vorstellbar, aber sie könnten hinzukommen.

 

 



Mittelteil eines mehr als 5 Meter langen Triptychons mit dem für Brixy neuen "Allee"-Thema. Das Werk scheint eine Riesenwand in seinem Wohnsaal im Pumpwerk optisch zu öffnen.

 

Der zweite Aspekt: die Allee. Seit „Grow“ beschäftigt Brixy das Thema der perspektivischen Anordnung von Bäumen, und mit „Beyond“ hat es zugenommen. An der Volutenwand des Wohnsaales im Pumpwerk hängt das mehr als fünf Meter lange Triptychon einer Allee mit kahlen Bäumen, zentralperspektivisch, man möchte einfach durch die Wand hindurch bis zum Fluchtpunkt gehen. Das Thema der Allee mit Zentralperspektive hat Brixy mittlerweile mehrfach durchgespielt, sogar in Hochformaten und mit leicht erhöhtem Betrachterstandort. Wie wird es da weitergehen? Wird er die Möglichkeiten von Raumillusionen, die bisher in seinen Bildern kaum eine Rolle spielten, systematisch erkunden und ausarbeiten? Wie auch immer  – Pflanzen werden für Dietmar Brixy ihre Bedeutung niemals verlieren, dafür ist diese Beziehung zu fundamental.

 

Info:

Altes Pumpwerk, Mannheim-Neckarau, Aufeldstraße 19, vom 21. September  bis 19. Oktober 2008, Tel. 0621-1561436, www.brixy.de
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