Dosenkünstler Franz Bellmann


Franz Bellmann vor seinem 2006 entstandenen Gemälde "Staudammbruch"

 


Bellmann im Atelier, die Hand an einer Holzskulptur, die einst ein Baum im Pfälzerwald war. 

 


Bellmann beim Fotoshooting 2006 für den Katalog seiner Ausstellung "Der Ball ist runder" in der Mannheimer Galerie FormStein, die ihn zum 60. Geburtstag ehrte. Die türkisfarbene Skulptur aus dem Jahr 2000 hat den Titel "Beuys", weil ein Filzhut obenauf liegt.


Meister Bellmann inmitten seiner gigantischen Dosen-Installation 1996 im Mannheimer Rathaus-Foyer.

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Alle Fotos von Manfred Rinderspacher (Copyright)
"Kunst und Kosmos" dankt dem Künstler und dem Fotografen für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion

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Franz Bellmann "Baumfortpflanzung"

 

14-09-2007

Ständig auf zu neuen Ufern

Im Mannheimer Atelier des Malers und Bildhauers Franz Bellmann

 

Von Christel Heybrock

 

Er hat ein Gesicht wie ein ergrauter Seefahrer, und in gewisser Weise ist er auch einer. Zumindest macht sein Atelier in der Mannheimer Altstadt den Eindruck einer Wunderkammer voller Trophäen, die er auf Reisen durch die Wirklichkeit gesammelt hat. Sehr weit freilich musste er nicht fahren, um Dinge zu finden, die seine Fantasie herausfordern, im Gegenteil, sie purzeln ihm tagtäglich vor die Füße: Kartons und Dosen, Eimer, Gabeln, Zigarettenkippen, Flaschen, Korken, Blechdeckel, Maschendraht, Stofffetzen .... Im Grunde gibt es nichts, was Franz Bellmann nicht gebrauchen kann. Er nimmt so ein Wegwerfding, dreht es vielleicht mal in der Hand, und, zack, erhebt sich in seinem Kopf wahrscheinlich schon die Säule aus Blechdosen, die Stelengruppe aus übereinander getürmten Kronenkorken oder das Materialbild aus Kartons, Drahtstücken, Löffelstielen und Zahnbürsten.

 

Franz Bellmann ist Künstler, und in einer anderen Lebensform hätte er, der gelernte Bautechniker und Soziologe, auch niemals Wurzeln schlagen können – wo soll einer mit solchem Gebrodel im Kopf denn sonst hin? Geboren 1946 in Haidl/Böhmen, verschlug es ihn noch vorm Abitur nach Karlsruhe, wo er später auch sein erstes Atelier einrichtete. Damals in den siebziger Jahren glaubte er wohl zwar immer noch, er könne auch für eine bürgerliche Existenz taugen. Aber 1985 gab er den Gedanken daran auf und kam nach Mannheim. Seitdem treibt er in der Rhein-Neckar-Region sein Unwesen, und das äußerte sich mitunter richtig spektakulär, weil nämlich die Blechdose, speziell die Alu-Getränkedose, zu einer Art Markenzeichen wurde für den Franz Bellmann.

 

Unvergessen aus den neunziger Jahren seine Dosen-Plattfahr-Aktionen in Karlsruhe und am Mannheimer Landesmuseum, unvergessen seine Performance „Dosenglück“, seine Dosenspaziergänge und Dosen-Mahnwache – die Getränkedose war und ist für Bellmann ein massenhaft verfügbares und als solches erstaunlich formbares Material. Säulen und  Girlanden ließen sich daraus ebenso anfertigen wie ganze Bäume oder beängstigend aus Eimern und Badewannen hervorquellendes Füllmaterial (beispielsweise 1995 in der Ludwigshafener Galerie Hartmannstraße). Nicht zuletzt fungierte die Dose sozusagen als Maschenelement für Bellmanns Dosenanzüge, in denen er beispielsweise in der Darmstädter Fußgängerzone, in Ludwigshafen oder der Heidelberger Altstadt scheppernd und klackernd die Passanten erstaunte. Die Dose als Chaos-Material schlechthin – Bellmann führte mit solchen Aktionen im öffentlichen Raum auch dem Publikum vor Augen, welche Gebirge an Müll es durch seine gedankenlosen Trinkgewohnheiten produzierte, und insofern ist es nicht falsch, ihn in der Nähe von mahnenden Aktivisten wie Otto Dressler und Bernd Loebach-Hinweiser anzusiedeln. So wie diese beiden Kollegen, erfuhr freilich auch Bellmann, dass nicht alle Leute ihm wohl gesonnen waren, vor allem Getränkehändler empfanden ihn naturgemäß als wenig verkaufsfördernd. In Ludwigshafen wurde ihm gar der Zugang zum Rathaus-Center verwehrt, aber die Stadt Mannheim würdigte ihn 1993 mit dem Umweltpreis und stellte ihm 1996 das mehrstöckige Rathausfoyer für eine nun wirklich raumgreifende Doseninstallation zur Verfügung.

 

Der Eindruck von ausufernder Fülle, die letztlich auch den Künstler selber fast in den Hintergrund drängt, täuscht aber bei Bellmann. So chaotisch und wuchernd das alles aussah, so systematisch ging er in Wahrheit jedes Mal vor. In einer Publikation über die „Dosenglück“-Performance beschrieb er 1994 penibel deren Zweck und Aufbau, rubriziert als „Arbeiten unter der Verwertungsidee“. In fünf Stationen kam er zum Endergebnis Dosensäule, und das ging so: In nur zwei Jahren, zwischen 1992 und 1994, konnte Bellmann zwischen Mannheim und dem nahen Bruchsal mehr als 10.000 Getränkedosen „der Umwelt entnehmen“ (das viel bekrittelte Dosenpfand gab es damals noch nicht). Und da man seinerzeit bei jedem Gang zu Zeitungskiosk oder Supermarkt platt gefahrenen Coladosen auf der Straße begegnete, machte Bellmann ein Prinzip daraus: In öffentlichen Aktionen legte er 500 bis 1000 Dosen auf den Boden und fuhr mit Autos, Lastwagen oder Straßenwalzen so lange darüber, bis sie alle platt wie ein Teppich waren. Dann wurden sie auseinander genommen, „mittig gelocht“, und zwar „mit einem Locheisen (14 mm) und zwei Hammerschlägen (Fäustling 1,25 kg)“ und mit Wasser abgespült. Letzte Station war dann die „Ständerung“ – die zerquetschten Behältnisse, jedes einzelne auf ganz individuelle Weise platt und beulig, wurden auf einen Eisenstab „aufgefädelt, zusammengedrückt und verschraubt. Ein Ständer trägt dann im Mittel 200 Dosen.“

 

Auch die Performances, die Dosenmahnwache in Mannheim – alles wurde bis ins Detail vorher geplant und durch Skizzen festgelegt. Von dem Teilstück der Mannheimer Fußgängerzone am Schmettau-Brunnen, wo Bellmann seine Dosengräber und Mahnwache aufbaute, fertigte er zuvor eine maßstabsgetreue Zeichnung: „Dosengrab jeweils 1001 Dosen, Grabgestaltung ca. 10.000 Kronenkorken und Filmdosen“, sogar die scheinbar so simpel aus gepressten Dosen aufgeschichteten Stelen wurden und werden immer noch penibel auf Millimeterpapier entworfen – was so spontan aussieht, ist alles andere als das. Und zu den Vorbereitungen gehören nicht zuletzt auch die Genehmigungen der Kommunen für derartige Auftritte. Wildes Herumscheppern gibt’s nicht bei Bellmann, für mögliche ordnungsdienstliche Platzverweise wäre der Aufwand auch zu groß.

 

Mittlerweile hat Bellmann zwar die Performances, aber nicht die öffentlichen Präsentationen aufgegeben. Er ist heute über 60, und sein Dosenanzug wog etliche Kilo, allein der Helm aus gepressten Alubehältern drückte mit 10 Kilo aufs Künstlerhaupt. Am Helm waren zudem die Anzug-Dosen befestigt bis hinunter zur „Schleppe“, die Bellmann wie einen Metallschweif hinter sich herzog. Ohne Motorradhelm als Kopfschutz unter der ganzen Pracht wäre es nicht gegangen, gesteht er, und zeigt im Atelier, dass zumindest der Helm inzwischen eine eindrucksvolle Funktion erfüllt als krönender (und ziemlich ausladender) Abschluss eines originellen Garderobenständers. Der ist aus Blecheimern, Deckeln, einer Kuchenform und anderen Fundstücken zusammengesetzt – und erneut hält man auf den ersten Blick das exotische Gebilde für ein in kürzester Zeit gebasteltes Spontanwerk. Stimmt mal wieder nicht! Das schwere Ding steht nicht nur sicher auf einer Holzpalette aus dem Obsthandel, die den Sockel abgibt, sondern wird mit einem durchgehenden Rohr von innen stabilisiert. Von Statik versteht er nun wirklich etwas, der Franz Bellmann, andernfalls würden seine Arbeiten eine Gefahr auch für ihn selber darstellen.

 

Von den drei Atelierräumen in Mannheim (sein privates Domizil befindet sich in einem Vorort) hat der Baufachmann den Depotraum sogar als kleine Maisonnettewohnung eingerichtet, indem er einen Holzboden einzog, der über eine Leiter zugänglich ist: Oben ist Platz genug für ein Zimmer zum Übernachten, falls es mal spät wird bei ihm, unten stapeln sich derweil seine Bilder. Wenn man seine Schöpfungen so überblickt, fragt man sich schon mal, wie man den Mann einordnen soll. Performancekünstler? Bildhauer? Maler? Zeichner? Sammler? Denkt er nun eher zwei- oder eher dreidimensional? Hat er ein Händchen eher für Farben als für plastisches Material? Ist er mehr Hand- als Kopfarbeiter? Ach, man gibt es bald auf – Franz Bellmann, das ist ein Kosmos an Kreativitäet, etwas Ungebremstes, Wucherndes, Drängendes, ständig Probierenmüssendes ist in ihm drin und um ihn herum, und wer sich in diesem Dschungel aus Mythen, Präzision und forschendem Austesten nicht zurechtfindet, ist eigentlich nur durch eigenes Unvermögen daran schuld.

 

In einer Ecke am Fenster erhebt sich eine ebenso schmale wie scheinbar fragile Säulchengruppe aus geschichteten Kronenkorken, etwa zwei Meter hoch! Man wagt zwar kaum zu atmen davor, aber alles ist fest und zudem mit einer durchsichtigen Schicht überzogen. Im Raum nebenan, gegenüber dem helmgekrönten „Garderobenständer“, eine mehr als mannshohe, gespaltene Holzskulptur, die sich als Baum aus dem Pfälzerwald entpuppt: Bellmann, von Fundstücken stets fasziniert, fand das bereits abgestorbene Holz so ausdrucksvoll, dass er es ins Atelier schleppte und so bearbeitete, dass es zur abstrakten Skulptur wurde, aber seinen urwüchsigen Charakter behielt.

 

Bilder ringsherum: manche mit dermaßen pastos aufgetragenen Farben, dass man sie eigentlich als Reliefs bezeichnen müsste, andere Malwerke dagegen fein und luzid. Figuren „kann“ er ebenso flott wie völlig freie Kompositionen. Porträts? Kein Problem. Ein paar kantige, höchst expressive Gesichter seien, so Bellmann, aber nur „Fantasieporträts“. Große Gemälde, in denen undefinierbare Mythen wabern, wechseln mit wunderbar dichten, abstrakten kleinen Ölarbeiten auf Papier. Hingucker sind auch Kompositionen aus Tropf- und Kleckerbahnen, Bilder, die an Jackson Pollocks „Drippings“ erinnern. Bei Bellmann sind sie Ergebnis von Schleuderprozessen, er wollte mal ausprobieren, was dabei heraus käme. Die großen Materialbilder aus farbüberschütteten Dosen, Drähten, Eimern, Hufeisen, Zahnbürsten, Schulterpolstern, Blumenkübelrädern, Muscheln und werweißwasnoch – sie sind im Grunde Boden- und Liegebilder, wenn sie sich dem Blick angemessen präsentieren sollen. Chaotisch? Wer mit Distanz hinsieht, erkennt klassisch quadratische Grundstrukturen, in einem Fall stoßen vier imaginäre Quadrate mit den Spitzen in der Bildmitte aneinander, so dass sich sternförmig ausdehnende Straßenschneisen in das Sammelsurium eingegraben haben. Quadrate? Straßen? Natürlich, gelernte Bautechnik prägt doch!

 

Rätselhaft und erstaunlich karg muten dagegen kleine Papierarbeiten an mit jeweils einer etwas kopflastigen Figur aus Konturlinien. Was ist das? Was bedeutet es? „Ach, nur so“, sagt Bellmann. „Gucken Sie mal, so geht das,“ und er holt einen Bleistift, spitzt ihn ordentlich lang an, bricht die Spitze ab und reibt das Graphitstückchen mit der Fingerkuppe in unterschiedlich festem Druck über ein Papier: wieder eine kleine Figur, das geht in ein paar Sekunden. Wenn er dann noch partiell Titanweißpaste drüberlegt und mit einem Japanspachtel zieht, ist die Mischung aus Intensität und Distanz perfekt. Aber mit so kleinformatigen Minutenübungen will Bellmann sich nicht immer befassen, er denkt schon wieder in ganz großen Dimensionen.

 

Mannheim am Neckarufer! Anfang Oktober 2007 richtet Bellmann in Höhe des Collini-Centers einen Skulpturenweg von zweieinhalb Kilometern Länge ein bis hin zur Feudenheimer Brücke. 23 Skulpturen aus (unter anderem) Dosen akzentuieren die Uferlandschaft bis mindestens Anfang Februar 2008, die Genehmigung der zuständigen Behörden hat er ordnungsgemäß eingeholt. 16 Arbeiten sind auf 4 Meter hohen Baumstümpfen montiert, manche gar zu zweit auf einem Stumpf, und einige Arbeiten sind zudem sehr schmal und lang. Bellmann: „Die schwanken natürlich!“, denn am Wasser kann es immer mal windig werden, noch dazu in der Herbst-/Wintersaison. „Das geht nur mit einem Sicherungsseil,“ erklärt er. Aber passieren kann eigentlich gar nichts, denn seine Konstruktionszeichnungen sind alle so präzise ausgearbeitet, dass man sich wundert, wie nüchtern und rational er die Fülle des Materials und seiner eigenen Fantasie in Schach hält. Zwischen Kalkül und Uferlosigkeit scheint der Mann permanent eine innere Waage zu halten. Es gibt ja nicht so viele Leute, die das hinkriegen.

 

Info:

- Skulpturenweg am Mannheimer Neckarufer (zwischen Collini-Center und Feudenheimer Brücke) von Anfang Oktober 2007 bis Anfang Februar 2008

- Atelier in 68159 Mannheim, H 7, 24, Tel. 06203-85043

- http://www.franzbellmann.de

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