Martin Becker

Die Schweinchen-Bilder

 


Dieses Bild kennen Sie doch? Klar: Caspar David Friedrichs "Winterlandschaft" von 1811. Aber irgendetwas ist anders... Am Himmel fliegen niedliche Schweinchen dahin, und das Bild ist nicht (mehr) von Deutschlands großem Romantiker, sondern von Deutschlands leisestem Scherzkeks Martin Becker. Der zeigte das 1995 entstandene Acrylbild 2003 in einer Ausstellung der Mannheimer Galerie Angelo Falzone und nannte es "Nachts sind alle Schweine grau". Es war sozusagen das Titelbild der gleichnamigen Ausstellung. Davon und von Martin Beckers Schweinchen-Bildern ist hier die Rede.

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/BeckerMartin.html

 

Fotos auf dieser Seite: Martin Becker/Galerie Angelo Falzone (Copyright). "Kunst und Kosmos" freut sich über die Erlaubnis zur Reproduktion.


Kennen Sie Martin Becker? Vermutlich kennen Sie irgendeinen Martin Becker – aber wahrscheinlich nicht diesen! Sogar mit Suchmaschinen ist er nicht so einfach aufzuspüren. Da gibt es eine Omnibus-Reparaturwerkstatt, einen Software-Entwickler, einen Investmentbanker, ein Beerdigungsunternehmen und sogar eine Jagdflieger-Koryphäe, die sich im Zweiten Weltkrieg zweifelhafte Meriten erwarb – alles Martin Beckers.

 

Doch der hier Gesuchte, vor Jahren in Mannheim ansässig, wenn auch selten öffentlich präsent, weilt nicht mehr im Rhein-Neckar-

Raum, doch wo nur? Hach, nach langem Forschen ist er endlich zu finden, im schönen Gailingen mittlerweile, ganz im Süden Baden-Württembergs, und zwar als Karikaturist in einem gemeinsamen Atelier mit der Malerin Monique Chevremont. Das ist zweifelsohne der Martin Becker, der vor Jahren die Mannheimer Ausstellungsbesucher mit Schweinchenbildern bezauberte. Seine Webadresse: http://www.martinbecker-karikatur.de/framset-karikatur.htm

Wenn Sie dort ein bisschen surfen – ein paar Schweinchenbilder sind auch noch zu finden, ganz versteckt, wie alles, was dieser Martin Becker in die Welt gesetzt hat. Für eine Entdeckung war er ja schon immer gut...            hey

 

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Landschaften von Martin Becker

 

13-11-2003/ Update 06-06-2010

Süß, verschmitzt und ganz schön clever

Martin Beckers Schweinchen-Gemälde sind alles andere als grau

 

Von Christel Heybrock

Marzipanschweine fndet jeder natürlich doof. Die Schweinchen von Martin Becker sind so niedlich, als wären sie aus Marzipan - aber viel, viel intelligenter. Der 1964 (oder 1963?) in Mainz geborene Künstler, der im Rhein-Neckar-Dreieck und speziell in Mannheim unverkennbare, wenn auch ganz leise Spuren hinterlassen hat, erkor einst das Schweinchen zu seiner Lieblings-Kunstfigur und seitdem malt und malt er... ja, natürlich auch noch andere Motive, aber das Schweinchen steht bei ihm absolut im Zentrum. Und irgendwie scheinen sie mit ihm verwandt zu sein, die kleinen rosafarbenen Geschöpfe, legen sie doch die gleiche Gewitztheit und hintersinnige Komik an den Tag wie ihr Schöpfer, mit dem sie auch gemeinsam haben, dass sie in der großen lauten Kunstszene immer noch ein Geheimtipp sind.

 

Die Mannheimer Galerie Angelo Falzone, eigentlich spezialisiert auf rotzfreche italienische Konzeptkünstler, aber immer auch offen für pfiffige Alternativen, veranstaltete 2003 eine Einzelschau mit Martin Beckers Gemälden, und entgegen dem Ausstellungstitel "Nachts sind alle Schweine grau" muss man betonen, dass hier überhaupt nichts grau ist. Der Titel bezieht sich noch dazu auf ein ganz romantisches Landschaftsbild, natürlich mit barockem Goldrahmen (Stuck übermalt), in dem etliche rosafarbene Schweinchen am dunklen Nachthimmel über verschneite Baumstümpfe fliegen. Ja wirklich, sie fliegen, süß, rund und leicht, die Hinterbeinchen angelegt, die Vorderfüße schon wie zur Landung nach unten gereckt, und aus der Ferne kommen noch mehr herbei, fast ein Schwarm. Sie sind nämlich unheimlich anpassungsfähig und jeder Lebenslage gewachsen, die Schweinchen von Martin Becker.

 


Caspar David Friedrichs Gemälde "Die gescheiterte Hoffnung"schien noch irgend etwas zu fehlen: natürlich, ein rosa Schweinchen auf der obersten Klippe! Das setzte Martin Becker ebenso winzig wie frohgemut endlich darauf: "Die gescheiterte Sau", Acryl auf Karton, 1995.

 

Was hätte der große Caspar David Friedrich wohl dazu gesagt? Martin Becker hat dessen versunkene Landschaften noch öfter, ähm, missbraucht? Nö, kann man nicht sagen. Warum soll ein rosa Schweinchen es sich nicht vor einer verfallenden Klosterruine auf weichem Rasen bequem machen! Und warum soll nicht auf dem berühmten Gemälde "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" sich ein dominantes Schwein mal wie ein röhrender Hirsch aufführen? "Der Hochstapler (Röhrender Hirsch B-Klasse)" nannte Becker seine Friedrich-Adaption. Und dass er der schrecklichen Eisschollenlandschaft "Die gescheiterte Hoffnung" ein putziges Ferkel oben auf die höchsten Eisgrate platzierte ("Die gescheiterte Sau", 1995), ja, das setzt irgendwie allem die Krone auf.

 


Frei nach Carl Spitzwegs "Armem Poeten": Martin Beckers "Arme (Poeten)Sau" von 2003

 

Nicht nur Caspar David Friedrich, das große Genie der deutschen Romantik, bekommt von Becker sein Fett weg, sondern überhaupt die Malerei des 19. Jahrhunderts. Mit ihrem mitunter etwas pathetischen Selbstanspruch eignet sie sich natürlich super für diese Verdrehungen. Arnold Böcklins "Toteninsel", zur "Sparinsel" verfremdet, die von einem rosa Sparschweinchen im Totenkahn angesteuert wird - was sonst sind Sparschweine im Vergleich zu lebenden als eine Art Mythos des Schweinchens als solchem? Adolph von Menzels wunderbares "Flötenkonzert" mit Friedrich dem Großen und seiner Hofgesellschaft auf Schloss Sanssouci - du lieber Gott, der musizierende Hochadel ist umrahmt von Schweinchen, eines davon lang hingestreckt auf dem Sofa, die alle versunken der Musik lauschen (bei Martin Becker und, wer weiß, vielleicht ja auch sonst, sind Schweine eben hoch musikalisch). Dass sie auch literarisch gebildet sind, entnimmt man den Spitzweg-Adaptionen des "Armen Poeten" (das Schweinderl lässt es sich im Bett recht wohl sein) und des "Bücherfreundes", wo ein fettes rundes Borstenvieh beglückt auf der Leiter hockt und seine Bibliothek genießt.

 


Carl Spitzwegs "Bücherfreund" erfreut sich auch als rundlicher Vierbeiner an einer schönen großen Hausbibliothek: Martin Beckers "Bücherschwein" von 2003.

 

Das Schwein und die Malerei des 19. Jahrhunderts sind aber nicht die einzigen malerischen Betätigungsfelder von Martin Becker. Nun muss ich ganz kurz mal ernst werden: Eigentlich ist er ja ein Konzeptkünstler, und wie man mal wieder sieht, ist die Konzeptkunst alles andere als kalt und unsinnlich, sondern oft zum Schreien komisch. Mehr noch als bei den altmeisterlich gemalten Bildern, kommt man bei Beckers "Caprichos" aus dem Kichern nicht mehr raus. Was vom Titel her nach Francisco Goya klingt, sind bei Becker kleine, rasche Notate mit Stift und Gouachefarben wie das "Telefon für Selbstgespräche" (bei dem die Leitung in denselben Hörer wieder rein geht, aus dem sie raus kommt). Oder wie das flott hingeworfene "Yin-Yang", bei dem eine Wurst und ein abgenagter Fisch einander jeweils im Halbkreis vollenden. Und da wird auch die moderne abstrakte Kunst in die Pfanne gehauen: Kasimir Malewitschs "Schwarzem Quadrat", der feierlichen Ikone des Suprematismus, fügte Becker seitlich einen Henkel und oben einen Schaumberg an. Da erübrigt sich wohl jeder Kommentar.

 

Info:

Galerie Angelo Falzone, Mannheim, M7, 23, vom 15. Oktober bis 19. Dezember 2003, Tel. 0621-416780, der kleine Katalog kostet 6 Euro, www.galerie-falzone.de

Die Galerie ist inzwischen umgezogen. Die neue Adresse: 68159 Mannheim, D6, 16.

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