Martin Becker

Landschaften


Martin Becker vor einer seiner Waldlandschaften ("Waldstück"), die an die Malerei der Romantiker erinnern. Becker ist freilich ein eher unsentimentaler Zeitgenosse, der die Gegenwart mit bissigen Bemerkungen kommentiert und malend die Zukunft der Erde vorwegnimmt. 

 

Die Fotos auf dieser Seite sind (wenn nicht anders angegeben)  Erstveröffentlichungen von Manfred Rinderspacher - "Kunst und Kosmos" dankt herzlich für die Genehmigung zur Publikation.

 

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Martin Beckers Schweinchen-Bilder

 

15-10-2010

Schmeißt der Planet die Menschen runter?

Martin Beckers Blick in die Zukunft: Wälder, Mondschein, Eismeer und leere Betonruinen

 

Von Christel Heybrock

 

Ein Außenseiter mit ebenso leisem wie schmerzhaftem Biss war Martin Becker schon immer. Vor Jahren schlug er der deutschen Gesinnungsromantik ihre Heiligen um die Ohren, indem er stimmungsvolle Gemälde Caspar David Friedrichs, Carl Spitzwegs oder Arnold Böcklins mit kleinen rosa Schweinchen bevölkerte. Mittlerweile lässt er die Schweinchen weg und stellt sich die Zukunft der Menschen vor: Weg sind sie, es gibt sie einfach nicht mehr, nur ein paar hässliche Hochhausgerippe sind geblieben und spiegeln sich in großen Tümpeln oder versinken allmählich in der Erde, vom Wald überwuchert.

 

Sie meinen, das wäre doch arg weit hergeholt? Nun ja, wir blicken zwar auf eine über tausendjährige abendländische Geschichte zurück, aber denken Sie mal tausend Jahre in die Zukunft ... Sie werden nicht im Ernst glauben, die Menschheit könnte auch nur 200 Jahre so weiter machen wie bisher. Die Erde hat eine einzige Chance, und wir tun alles, um ihr dabei zu helfen: Wir werden scheitern mit unserem Lebensstil. Wir sind ein Auslaufmodell. Wir werden an uns selber verschwinden, vielleicht wird es in kleinen ökologischen Nischen ein Überleben geben, aber die globale Gegenwartszivilisation hat keine Zukunft; es würde drei Planeten wie die Erde brauchen, um deren Bedürfnisse zu erfüllen.

 

Entsprechend satirisch äußert sich Martin Becker auch verbal über den Zustand der Menschheit, vor allem der westlichen Welt, deren Standard andere Kulturen ja global nacheifern. „Die gesellschaftlichen Utopien sind gescheitert“, sagt er unverblümt, „wir leben in einer neofeudalen Gesellschaft, in der alles Verpackung ist, keinerlei Inhalt ... Dabei bemühen sich manche Leute, ein Mundwerk zu haben, in das fünfhundert Zähne reinpassen.“ Und in einer E-Mail schrieb er bissig: „...die Wirklichkeit ist ja viel absurder, als ich es mir je hätte ausdenken können, vielleicht ist das Universum nichts anderes als ein holographisches Internet und die Frage nach Gott (bisher verstand ich unter ‚Gott’ nichts anderes als einen tschechischen Schlagersänger mit Vornamen Karel) wäre gelöst, ein dicklicher, pickelübersäter Junge, der vor seinem PC sitzt, während seine Mutter (Maria?) ihn zum Essen ruft (Theodor! Essen ist fertig), bis sie irgendwann den Stecker rauszieht und das Programm abstürzt. Dies wäre dann der Weltuntergang.“

 

Und Martin Becker, der den „größten Teil der Architektur als einen Akt von Vandalismus“ einschätzt und seine Bilder als „Strategien gegen Architektur“ bezeichnet, er malt, wie sie aussehen könnte, die Erde nach uns: Sie wurde von der Natur zurück erobert, und es ist wunderbar. Es ist romantisch. Die Erde, sich selbst überlassen, zeigt sich auf den ersten Blick, wie sie vor zweihundert Jahren von den Romantikern gemalt wurde. Manchmal glaubt man, Bilder von C. D. Friedrich, Carl Gustav Carus oder Johann Christian Clausen Dahl vor sich zu sehen. Martin Beckers Können zumindest nimmt es mit ihnen auf, die Atmosphäre, die dramatischen Himmel, der durch die Wolken lugende Mond, die starre Kälte des Eismeeres, sie scheinen fast Wiederholungen einer vergangenen kunsthistorischen Epoche. Auf den zweiten Blick freilich sind wesentliche Dinge anders.

 

 

Herrlichkeit und Größe der Natur in der Malerei der Romantik: Das Bild "Eichen am Meer" von Carl Gustav Carus (1789-1869) ist zwar menschenleer, lockt den Betrachter aber förmlich ins Bild hinein, als könnte er seinen Fuß auf die Felsen im Vordergrund setzen, um unter zerzausten Bäumen den Blick aufs ferne Meer zu genießen (oben, Foto: Wikimedia Commons).

Auch Caspar David Friedrichs "Mondaufgang am Meer" fasst Natur als eine kosmische Instanz auf, die dem Menschen offen steht und die von ihm andächtig bewundert wird. Das Bild entstand 1819 und ist im Besitz der Eremitage St.Petersburg (unten, Foto: Wikimedia Commons)

 

 

Die Romantiker entdeckten zwar die überwältigende Kraft und Schönheit der Natur, sie empfanden ihre kosmische Größe – aber sie setzten sie in Beziehung zu den Menschen. Selbst die völlig menschenleeren Bilder C. D. Friedrichs (1774-1840), die Klosterruinen, das Kreuz im Gebirge – sie künden von Menschen und ihren Schicksalen, auch wenn sie nicht als Figur auftauchen. Bei Carus und Friedrich werden Menschen als völlig hingegeben an die Natur dargestellt, als in deren Schönheit und Größe versunkene Bewunderer. Selbst wenn Carus in seinem Bild „Eichen am Meer“ völlig auf die Andeutung einer Figur oder einer menschlichen Anwesenheit verzichtet, weist er dem Betrachter eine Position zu, als stünde er mitten zwischen grasüberwachsenen Felsbrocken am Fuß der Eichen und könnte sich ins Bild hinein bewegen. Die Natur, so unendlich sie dem Menschen in den Bildern der Romantiker auch erscheint, ist potentiell offen für ihn.

 


"Stadtlandschaft" - aber von einer Stadt ist nichts mehr zu sehen. Leere Hochhäuser spiegeln sich in einem Tümpel, der in  verlassenem Brachland entstand. Wunderbar der dunkel drohende Himmel, dessen gelber Lichtschein überm Horizont sich in einem undefinierbaren Streifen im Vordergrund spiegelt. Auf den ersten Blick freilich wirkt die Szenerie fast idyllisch.

 

Das kann man von Martin Beckers Darstellungen nicht behaupten. Nicht nur, dass eines seiner „Waldstücke“ eine blattlose, kahle Winterszenerie mit bizarren grauen Ästen vor einem diesigen Himmel zeigt, das dichte Gestrüpp an der unteren Bildkante deutet dem Betrachter auch an, dass hier kein Durchkommen wäre. Bei den Hochhaus-Bildern, bei Nachtstücken mit Mondschein, bei harmlos anmutenden Hügellandschaften – nirgends wird dem Betrachter eine Position zugewiesen, die ihm ein Nähertreten oder gar ein Eindringen in die Natur erlauben würde. Der Vordergrund bildet stets einen seltsam abweisenden Riegel, der den Betrachter vom Hauptmotiv trennt und ihn trotz vermeintlicher Banalität auf unüberwindliche Distanz hält. Diese Natur, diese Erde, sie liegen zwar vor dem menschlichen Auge, sind aber letztlich undurchdringlich und verweigern jede Teilhabe: Nachdem der Mensch längst vergessen hat, dass die Natur ja auch ihn hervorbrachte und er ein Teil von ihr ist, scheint die Natur nun zu antworten, na bitte, dann halt ohne euch!

 


"Fjordlandschaft" - unbetretbar. Wie wäre das Geröll im Vordergrund beschaffen, wenn man sich dem Wasser nähern wollte? Welche Entfernung müsste man überwinden? Und wo steht überhaupt der Betrachter, von welchem Standort wurde das Bild gemalt? Die wilde Schönheit dieser Landschaft hat nichts Aggressives, aber Menschen werden hier nicht zugelassen.

 

Dabei sind im Aufbauprinzip vieler Bilder Martin Beckers gerade die Vordergründe völlig unspektakulär und halten den Blick kaum fest. Häufig siedelt Becker am Horizont, an der Linie zwischen Erde und Himmel, seine Hauptmotive an: Hochhausgerippe, eine vom Wind zerzauste Baumreihe, ein paar Hügel, sie schneiden die Horizontlinie und bilden so eine Verbindung zu den (virtuos gemalten) zerfetzten, dahin stürmenden oder dunkel lastenden Wolkenhimmeln, aus denen auch ohne den Mond ein zarter oder intensiver gelber Lichtschein dringen kann. Freilich gibt es Motive, die diesem Aufbauschema nicht folgen, die Eismeer-Ansichten etwa, bei denen der Betrachter vor den aufeinander geschobenen oder auseinander treibenden Schollen zu schweben scheint – eine unhaltbare Position, die man sich erst auf den zweiten oder dritten Blick klar macht. Aber auch die Gebirgslandschaft mit ihren mächtigen zerklüfteten Felsen, die direkt aus einem See herauszuwachsen scheinen, sie verweigert jeder menschlichen Gegenwart den Zutritt, das unscheinbare Ufergeröll wäre in Wirklichkeit unbetretbar, und die Frage, von welchem Standort der Betrachter diese atemberaubende Szenerie wahrnimmt, lässt sich nicht beantworten.

 


Schwebend überm "Eismeer" - so unwirklich ist der Ort, der hier einem menschlichen Betrachter zugewiesen wird. Es gibt kein Ufer, es gibt keine Definition von Raum, keine Begrenzung. Der gelbe Lichtschein vom Himmel spiegelt sich auf den Schollen und die Erde gehört nur sich selbst.

 

Sie lässt sich bei keinem dieser Bilder beantworten, immer scheint der menschliche Blick aus einer irrealen leichten Erhöhung heranzuschweben, als sei das Sehen nicht mehr an eine Person auf dem Erdboden gekoppelt, sondern nur noch die unhaltbare Erinnerung von Wesen, die es nicht mehr gibt. Und diese öden Landschaften, dieser Wind, die diesige Atmosphäre und das Licht aus den aufreißenden Wolkenbänken, das auf der Erde reflektiert – sie sind weniger Adaptionen einer vergangenen Epoche als vielmehr Ergebnis genauer Beobachtung von atmosphärischen Prozessen, die unter anderem auf Reisen nach Skandinavien, Grönland und Island gemacht wurden. Wenigstens Martin Becker scheint sie bereits zu verstehen, die Erde ohne uns.

 

Info:

Der Mannheimer Kunstverein zeigt von ihm rund 40 Ölbilder und Arbeiten auf Papier im Bildungszentrum der Berufsgenossenschaft Nahrung und Gaststätten (BGN) in Mannheim (Dynamostraße 11), vom 30. September bis 18. November 2010, Montag bis Donnerstag 8-18 Uhr, Freitag 8-12 Uhr, Exponateliste mit Preisen bei Marlis Trautz (Marlis.Trautz@bgn.de), Informationen: www.mannheimer-kunstverein.de
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