Wilfried Georg Barber

"Kunst ist schön..."

 


Nachdenklich im eigenen Atelier: der Maler Wilfried Georg Barber analysiert seine Position und seine Ziele etwas außerhalb des manchmal verrückten modernen Kunstbetriebs. Das Foto ist Teil seines neuen Bändchens "Kunst ist schön..."
Foto: Brinkmann

 


Cover des hier besprochenen Bändchens von Wilfried Georg Barber

 

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22-09-2011

Der Kunstbetrieb – eine Bühne mit bizarren Szenen

Maler Wilfried Georg Barber definiert seinen Ort mit dem Bändchen „Kunst ist schön, macht aber noch lange nicht reich“

 

Von Christel Heybrock

 

Es soll ja Künstler geben, die mit Farben wie mit Worten so chaotisch herumkleckern, dass sie allein dadurch schon Aufsehen erregen und richtig berühmt werden, wir wollen hier keine Namen nennen. Der Maler Wilfried Georg Barber jedenfalls gehört nicht dazu. Zwar rumort es auch in seinem Kopf immerzu, aber es sind meist Fragen an sich selbst, an den eigenen Schaffensprozess ebenso wie an den eigenen Ort im Kunstbetrieb, die ihn beschäftigen. Und bevor er nicht druckreife Formulierungen gefunden, beziehungsweise authentische Bilder geschaffen hat, lässt er weder das eine noch das andere an die Öffentlichkeit.

 

Im Sommer 2011 war es mal wieder so weit: Barber fügte seinen mittlerweile fünf Bucheditionen eine weitere hinzu mit dem Bändchen „Kunst ist schön, macht aber noch lange nicht reich“ – womit er eine Formulierung von Karl Valentin abwandelte, der einst bemerkte: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Auch diesen Satz könnte Barber wohl bestätigen. Ausgehend von seinem Alltag in Haus und Atelier beschreibt er seine künstlerischen Ziele und sein Selbstverständnis, um dann dem amüsierten und verblüfften Leser auszuführen, wie dieses Selbstverständnis mit der Wirklichkeit aus Atelierbesuchern, Sammlern und Ausstellungsorganisatoren kollidiert. Eine solche Kollision hat bereits das Bändchen selbst in seiner Entstehungsphase erfahren, war Barber doch auf die weltfremde Idee gekommen, einen Verleger dafür zu suchen: Gott sei Dank, muss man sagen, hat er keinen gefunden, denn auch in dieser Branche wimmelt es heute nicht mehr von Personen, die individuelle Ideen in kleinen, feinen Auflagen realisieren mögen.

 

Die Kollision zwischen Kunst und Wirklichkeit, beziehungsweise Künstler und Umfeld beginnt schon damit, dass Barber ein Frühaufsteher ist, den es um 6 Uhr morgens nicht mehr in den Federn hält. Der Gärtner und die Bedienung im Café neben der Sparkasse haben eine andere Vorstellung vom Künstlerleben: „Ach, schon aufgestanden?“ begrüßen sie ihn leutselig. Zwischen Waschmaschine, Hühnerstall und Gemüsegarten fallen ihm Szenestars wie Martin Kippenberger, Anselm Kiefer oder Jörg Immendorff ein, die weder von ihrem internationalen Stellenwert noch von ihren Arbeitsmethoden her etwas mit ihm zu tun haben, und unerwartet treibt es ihn zu sich selbst und dazu, ein neues Bild zu beginnen: „Ein Abenteuer beginnt, von dem ich nicht weiß, wo es mich hinführt. Die erste Farbe erobert die Leinwand, ich zögere, kämpfe mit den sich überschlagenden Gedanken, trete ungeduldig vor und zurück. Unvorhergesehenes taucht auf ... Zufälligkeiten spielen mit...“ Ein Bild ist ein „stundenlanges Ringen“, ein Zweikampf mit den Farben, bei dem beide Parteien siegen müssen.

 

Ein paar Seiten weiter wartet der Meister auf „Frau Hagenbert“, eine kunstinteressierte Dame, die sein Atelier aufsuchen will, sich aber arg verspätet. (Künstler haben doch jede Menge Zeit...) Während des Wartens erinnert er sich an ebenso groteske wie rührende Begegnungen, jedenfalls an weitere Kollisionen zwischen Kunst und Wirklichkeit. Die Szene mit „Frau Schwarz“, einer Frankfurter Villenbewohnerin, möchte man kaum glauben: Gibt es tatsächlich Leute, die so vornehm sind, dass sie kaum mit einem Künstler reden mögen und nur durch knappe Handbewegungen andeuten, was sie wollen? Der Feudalismus ist doch Vergangenheit? Aber da gibt es auch die Begegnung mit dem Schickimicki-Ehepaar und seinen drei Kindern: Der Kleinste, eben mal fünf Jahre alt, bleibt beim Atelierbesuch an einem der Bilder hängen und treibt seine verlegenen Eltern zum Kauf: „Papi, ich tue 50 Euro von meinem Sparbuch dazu.“ Es ist das erste Mal, dass in der Familie Kunst gekauft wird.

 

In einem langen Künstlerleben macht man eine ganze Menge seltsamer Erfahrungen. „Ich kenne solche Äußerungen von Wichtigtuern auf Vernissagen“, schreibt Barber. „Mal ist es eine Farbe im Bild, die nicht zum Sofa passt, mal ist es das zu große Format und mal natürlich der Preis... Und besonders Schlaue kommen eilig gerannt, ist gerade ein Bild verkauft: ‚Herr Barber, Herr Barber, es tut mir schrecklich leid, dass ich offenbar zu spät gekommen bin – aber genau das Bild, was eben verkauft wurde, wollte ich erwerben.’“ Kaum vorstellbar aber die Erfahrung, dass eine Ausstellung in einer Städtischen Galerie plakatiert und der entsprechende Saal zur Vernissage geöffnet ist – und dann kommt einfach niemand, nicht einmal der Galerieleiter, der angeblich „verhindert“ ist. Das Restaurant in der Nähe, in dem der Künstler sein Erstaunen herunter schluckt, ist dafür aber gut gefüllt.

 

Dass es auch ohne Kollision geht, hat Barber leider am Anfang seiner Karriere erlebt, als er eine sorgfältig vorbereitete Einzelausstellung im Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath bekam und anschließend dachte, es ginge nun so weiter mit ihm. Das tat es ganz und gar nicht. Noch nach Jahren – er hatte inzwischen einen Weinberg in Italien erworben, darüber ein Buch geschrieben und war nach etlichen Ausstellungen in der Schweiz und im sonnigen Süden nach Deutschland zurück gekehrt – bekam er auf Ausstellungsbewerbungen in seiner heimatlichen Kulturnation die Antwort (falls überhaupt eine): „Sie sind noch unbekannt. Wenn Sie wenigstens bei Markus Lüpertz zum Beispiel studiert hätten, könnte man Sie über ein ‚name-dropping’ besser einführen.“ Aber die Zielvorstellungen von Lüpertz und Barber unterscheiden sich grundlegend. Barber zitiert Lüpertz: „... dass alle mich lieben, alle meine Bilder wollen, ich in allen Museen ausstelle und die Leute begeistert davon sind, meine Sachen zu sehen.“ Nein, geliebt werden möchte Barber für seine Bilder nicht unbedingt, und Allmachtsfantasien hat er auch nicht, er will nur authentische Bilder malen, Bilder, die in sich selbst stimmen und nicht als Mittel zu dem Zweck dienen, dass seine Person auf einem Podest landet.

 

Barber hat in Limbach im Odenwald, wo er seit 2002 erstaunlicherweise sesshaft geworden ist, ein sehr offenes Atelier, fast ein regionales Kulturzentrum, in dem er Lesungen und Konzerte veranstaltet und natürlich auch seine Bilder zeigt. Die Menschen kommen gerne zu ihm, er hat einen Kreis von Sammlern und Kunstbegeisterten aufgebaut, von Erfolglosigkeit ist also bei weitem nicht die Rede. Barber kann von seinen Bildern, wie er in dem Büchlein bekennt, sogar leben, wenn auch keine Reichtümer ansammeln. Trotzdem passieren ihm Szenen wie die, dass ein Stuttgarter Galerist einen Termin mit ihm vereinbart. Der Mann kommt nicht selbst, sondern schickt eine offenbar sehr attraktive Mitarbeiterin, die sich gerne von Barber zu teurem Essen einladen lässt – und ihm zum Schluss noch die Quittung abluchst, damit der Chef ihr die Rechnung erstattet, die sie gar nicht bezahlt hat. Natürlich hat Barber von diesem zweifelhaften Etablissement nie wieder gehört.

 

Man liest alle diese Erlebnisse kopfschüttelnd, nachdenklich, aber nie belastet von einer womöglich Mitleid fordernden Nachdrücklichkeit, nein, Barber schreibt wunderbar leicht, flüssig und anschaulich, wobei er Selbstdistanz instinktiv mit einer Sicht von innen verbindet. Seine Seriosität als Künstler erstreckt sich nicht nur auf die Seriosität seiner Sprache (heutzutage kann man ja nicht einmal von Menschen, die vom Schreiben leben, immer korrektes Deutsch erwarten), sondern sie erstreckt sich vor allem auch auf seine verlegerische Leistung. Das Bändchen ist liebevoll auf schönem Papier gedruckt, in einem aufgelockerten, fein rhythmisierten Layout und in Schrifttypen von unaufdringlicher, fast schon etwas altmodischer Eleganz. Mein Gott, dieses „Q“ mit dem langen Schwänzchen! Man guckt einfach gerne hin.

 

 

Und man guckt nicht nur deshalb gerne hin, sondern auch, weil Barber den Text, der inhaltlich schon einfallsreich genug gegliedert ist, durch Farb- und Schwarzweißfotos seiner Bilder und seiner Atelieransichten aufgelockert hat. Am nettesten wohl die Idee, mit Pinseln, Tuben, Kaffeetasse oder einem aufgeräumten Arbeitsregal kleine vignettenartige Einschübe zu gestalten, deren Reiz sich bei jedem noch so flüchtigen Blättern erneuert. Barber hat alle seine Editionen so ausgestattet: anspruchsvoll, zurückhaltend und dabei mit einer Fantasie, die jeweils dem Inhalt angemessen ist. Und wenn er Menschen, die sich auf dem schrillen modernen Kunstmarkt nicht orientieren können, zuruft, sie sollten durch Sehen und eigene Erfahrungen zum Liebhaber werden – dann kann man diesem Aufruf zum Selberdenken nur beipflichten.

 

Info:

Wilfried Georg Barber, „Kunst ist schön, macht aber noch lange nicht reich. Aus dem Leben eines ganz normalen Künstlers“, Folio Editionen, Limbach 2011, 82 Seiten, zahlreiche Farb- und SW-Abbildungen, ISBN 978-3-00-035147-1, Preis 15 Euro, im Buchhandel sowie über Folio.Editionen@t-online.de, Homepage des Künstlers: www.wilfried-georg-barber.de

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