Birgit Aßhoff

Performance "Auf Reisen"

 

 


Zwei riesige Mohnblüten geschultert - Symbole einer beflügelnden Leidenschaft? - reist eine Rrau zu ihrem Liebhaber. Die Berliner Tänzerin Birgit Aßhoff bei ihrer Performance "Auf Reisen" 2002 im Mannheimer Hauptbahnhof
Foto: Peter Empl (Copyright)

 

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18-03-2003

In der Schwebe zwischen den Orten des Lebens

„Auf Reisen“, Tanzperformance von Birgit Aßhoff im Mannheimer Hauptbahnhof

 

Von Christel Heybrock 

 

Stoßbetrieb in der Bahnhofshalle. Menschen bleiben mitten in der Eile stehen, starren auf die große Abfahrtstafel über den Gleiszugängen, finden ihren Zug, eilen weiter. Andere streben noch schnell den Brezelstand, den Infoschalter, einen Bekannten an, der irgendwo wartet. Kinderwagen, Koffer, Trollys und Taschen. Mittendrin plötzlich eine exotische Person im ärmellosen schwarzen Samtkleid über nackten Knien, eine Verrückte? Wenn schon, davon gibt’s noch mehr...

 

Aber wohl keine wie die Berliner Tänzerin Birgit Aßhoff. Für ihre Performance „Auf Reisen“ in der Eingangshalle des Mannheimer Hauptbahnhofs (vom 2. bis 4.Oktober 2002) hat sie nicht nur das seltsam feierliche „Kleine Schwarze“ angelegt, sondern zu ansonsten blanken Beinen auch Skisocken und Wanderstiefel. Auf dem Rücken trägt sie wie einen Rucksack zwei riesige rote Kunstblüten, jede größer als ihr Kopf, und das halblange Haar endet in einem Zopf im Nacken. Mit weichen, sehr langsamen Bewegungen, einen alten Koffer in der Hand, setzt sie sich in Gang auf dem schnurgeraden weißen Mittelstreifen im Fußboden. Einige Male wird sie fast angerempelt von ahnungslosen Fahrgästen, während sich andere beiderseits der beginnenden Vorführung bereits aufmerksam in Positur gestellt haben. Wie Künstler unter so schwierigen Verhältnissen, mitten in der Ahnungslosigkeit banaler Alltagsbewegungen, die Konzentration behalten, ist immer wieder ein kleines Wunder, so auch hier.

 

Birgit Aßhoff setzt mit schlafwandlerischer Sicherheit ihren Weg auf dem Mittelstreifen fort, geht einmal in halber Drehung weich in die Knie und blickt zurück auf eine imaginäre Person, von der sie sich noch einmal verabschiedet, langsam den nackten Arm hebend, mit der flachen Hand winkend, voll Schmerz den Arm zurückführend, bis sie sich in die Hand beißt, sich die Trennungspein verbeißt, dann erneute Drehung, sie setzt ihren Weg fort. Beginnt in Eile durch die Halle zu mäandern, immer zwischen zuschauenden und umherhastenden Fahrgästen hindurch, hält schließlich wartend inne neben einem Herrn wie am Abfertigungsschalter, eilt wieder umher, scheint angekommen.

 

Sie setzt den Koffer ab, öffnet ihn, nimmt weiße Blusen oder Hemden heraus, Filzpantoffeln, rote Pumps, Papiere, Krawatten und verteilt sie in Häufchen auf dem Boden, sie markiert ihren vorübergehenden neuen Lebensraum. Dort hat sie offenbar eine Verabredung, kurzer, sehr weiblicher Blick in einen fiktiven Kosmetikspiegel, das Kleid wird glattgestrichen, sie geht wieder, hält inne, sucht mit dem Blick, winkt, wird nicht entdeckt, bis es dann doch so weit ist: Es beginnt eine poetische Sequenz sanfter, schöner Drehungen, ausgreifender und zum Körper zurückgeführter, runder Armbewegungen, weiche, bergende „Umarmungen“ und elastische Öffnungen. Die roten Riesenblüten auf dem Rücken scheinen zum ersten Mal zu passen zu dem, was sie tut, zu dieser erfüllten, phantastischen „Zweisamkeit“.

 

Vorbei ist nach kurzen Minuten dann auch das. Mit nüchternen, alltagsbereiten Gesten sammelt die Frau die ausgelegten Häufchen wieder in den Koffer, ein dünner schwarzroter Schal weht noch wie ein vergehender Gedanke in der Luft, bevor auch er in das Behältnis eingeschlossen wird. Die Rückreise beginnt.

 

Die Frau hält inne, stellt den Koffer ab. Langsam setzt sie sich auf die Kante. Langsam wie im Schlaf  kippt sie ihren Körper, bis sie, Kopf und Beine horizontal in der Luft, auf der harten Kofferkante aufliegt. Die Position ist schwierig zu halten, es ist eine minutenlange, konzentrierte Balance, bevor Birgit Aßhoff sich unterm Beifall der Umstehenden erhebt und dankend verbeugt.

 

Dieses Schlussbild erweist sich erst im Nachhinein im Kopf der Betrachter als gültige Quintessenz des Reisens. Sich trennen, fortgehen, jemand treffen und wieder zurück: Jeder Mensch kennt sie, diese Bewegungen seines Lebens. Wenn das Leben eine Reise ist, spielt es sich vornehmlich ab in der schwierigen, kaum haltbaren Balance zwischen den Orten, zwischen den Begegnungen. Nicht jedem gelingt diese Aussage so schlüssig wie Birgit Aßhoff, die auf Einladung des „Zeitraum Exit Büros für Kunst“ in Mannheim gastierte.

 

Info:

- www.zeitraumexit.de, 68159 Mannheim, Hafenstraße 68-72.

- http://www.birgit-asshoff.de/

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