Ameisen als Kunst-Installation

 

 

Blick in die Ameisen-Installation von Stefan Kaegi und Bernd Ernst in der Mannheimer Galerie Zeitraum-Exit im Oktober 2002.

Foto: Manfred Rinderspacher

 

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14-03-2003

Ameisenvölker als Bühnenstars

Ein Kunstprojekt von Bernd Ernst und Stefan Kaegi in Mannheim

 

Von Christel Heybrock

 

Beim Eintritt ins “Theater” sah man sich vor einer kleinen Glasscheibe, die mit roter Samtdraperie dekoriert war, vor einigen wenigen Sitzgelegenheiten und dann einem wahren Labyrinth aus holzverschalten, verschlungenen Wegen, die erst mal erkundet werden mussten: der Mensch auf den Spuren der Ameise! Das Kunstprojekt „Staat. Ein Terrarium“ der Theatermacher Stefan Kaegi und Bernd Ernst war Teil eines vielfältigen Programms des Mannheimer Kunstbüros „zeitraum_ex!t“ im Oktober 2002, das sich unter der organisatorischen Leitung von Performancekünstlerin Gabriele Oßwald einem zunehmend brisanten Thema unserer Zeit widmete, nämlich der Frage, wie sich heute die Begriffe „privat“ und „öffentlich“ noch  abgrenzen lassen.

 

Was einst als bürgerliches Rückzugsgebiet gesichert schien, das Recht auf die Privatsphäre im Gegensatz zur öffentlich verfügbaren Präsenz, scheint heute im Bewusstsein der Menschen mehr und mehr zu schwinden. In Zeiten weltweiter Zugriffsmöglichkeiten auf Personen, die man nicht kennt und auch nie kennen lernt, die man per E-Mail und im Internet aber rund um die Uhr kontaktieren kann, in Zeiten von „Big Brother“, in Zeiten einer Regenbogenpresse, die Promis fast bis aufs Klo verfolgt (was übrigens auch normalen Handybesitzern vonseiten ihrer Kontaktpersonen droht), in Zeiten zunehmender Video-Überwachung in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf belebten Plätzen, in Zeiten von Fernseh-Talkshows, in denen die Teilnehmer intimste Konflikte vor Millionen von Zuschauern auspacken – in solchen Zeiten muss man einfach die Frage stellen: Was ist öffentlich, was privat? Geben wir unsere Privatsphäre allmählich auf zugunsten eines permanenten, und sei es nur virtuellen Anwesenheitswahns?

 

Gabriele Oßwald hatte diese Frage in dem Projekt „Stadtraum - Privatraum“ in Vorträgen und Diskussionen stellen lassen, aber auch bewusst gemacht durch zahlreiche Kunst- und Performance-Darbietungen, die sich in der ganzen Mannheimer Innenstadt abspielten, teils im klassischen öffentlichen Raum (Straßen, Parkhäuser, Bahnhof), teils in den Räumen von teilnehmenden Galerien. In ihrem eigenen Institut, dem „zeitraum_ex!t“ Büro für Kunst, waren eben die Ameisen zu Gast. Ob die fremden Insektenvölker, die unter größtmöglicher Schonung und unter Aufsicht des Naturschutzbeauftragten der Stadt aus dem Käfertaler Wald in die Galerie verpflanzt worden waren, im Bewusstsein der Besucher Erkenntnisse ausgelöst haben, ist nicht bekannt und vielleicht auch etwas zweifelhaft. Immerhin sind die Unterschiede in der Lebensperspektive zwischen Mensch und Mitgeschöpf unüberbrückbar. Zumindest der Ansatz aber scheint nachdenkenswert - und angesichts eines nicht immer vertretbaren Zugriffs von Gegenwartskünstlern auf das künstlerische „Material“ lebender Natur in diesem Fall auch tolerabel.

 

Es ist zu hoffen, dass die nach einem Monat wieder an ihren Standort gebrachten Völker ihren Bühnenauftritt unbeschadet verkraftet haben – in der Galerie jedenfalls scheint es ihnen prächtig gegangen zu sein. Was man da lernen konnte als plumpes Menschenwesen, war unter anderem: Die „Darsteller“ kümmerten sich einen Dreck um ihre künstlerische Funktion. Sie wuselten unermüdlich durch die für sie gebaute Anlage und nahmen nach und nach auch die Plastikröhren in Besitz, die alles miteinander verbanden. Sie schleppten völlig unbeeindruckt von Samtvorhang und neugierigen Blicken ihre Tannen- oder Fichtennadeln herum und verbreiteten nur dann einen heftig stechenden Geruch, wenn so ein Menschenriese mal mit dem Finger in ihr Terrarium langte und einem der Ihren etwas zu nahe kam. Hin und wieder riss auch so ein neugieriges Tierchen mal aus auf der Suche nach weiterem Lebensraum (als wäre der erstaunlich weitläufige Platz, der ihnen zur Verfügung stand, nicht genug gewesen), aber wer als Besucher nach einer Weile die Galerie verließ und misstrauisch seine Schuhe beäugte, konnte beruhigt sein: Niemand dürfte eine Ameise versehentlich weiter transportiert haben, der Zürcher Künstler und Archivar Michael Blaettler, Dritter im Bunde dieses Projekts, hütete den „Staat“ nicht nur wie seinen Augapfel, indem er alles wieder einfing, was versehentlich auf Abwege geraten war, sondern führte auch Besucher durch das Riesenterrarium, erklärte, beobachtete, ja, notierte sogar regelmäßig die Entwicklung der Völker.

 

Lernen ließ sich, freilich mit den nötigen Informationen, auch noch dies: Individualität gibt es nicht unter Ameisen, also kennen sie auch nicht den Zwiespalt zwischen Privatraum und Öffentlichkeit. Alles, was der Einzelne tut, kommt der Gesamtheit zugute, und nur die Gesamtheit garantiert das (zeitlich begrenzte) Überleben des Einzelnen. Gemeinsam sind sie unschlagbar! Die Menschenbesucher konnten das auch mittels Lupen und sogar Mikrophonen verfolgen – wer hätte gedacht, dass Ameisen beim Fressen und Arbeiten (auch diese beiden Tätigkeiten dürften in so einem Staatswesen als gleichwertig betrachtet werden) einen solchen Lärm machen! Kaum vorstellbar für die Besucher jedoch, was schon als Programmtext zu lesen war: „Wenn der Mensch Angst hat, glücklich ist oder wütend, produzieren seine endokrinen Drüsen Hormone, die nur in seinem eigenen Körper wirksam sind. Sie zirkulieren in einem geschlossenen Gefäß. Sein Herz schlägt schneller, er schwitzt, schneidet Grimassen, schreit oder weint. Das ist seine eigene Sache. Wenn eine Ameise Angst hat, glücklich ist oder wütend, zirkulieren die Hormone nicht nur in ihrem Körper, sie treten aus und dringen in den Körper der anderen ein. Durch diese Pheromone schreien und weinen Millionen gleichzeitig.“

 

Was für eine Grenzüberschreitung! Der Mensch, der ein Bewusstsein seines Ich und seiner Individualität (damit auch seiner Selbstverantwortung) erst mühsam und unter unglaublichen soziokulturellen Anstrengungen erwerben musste, kapituliert vor der gelebten Entgrenzung und perfekten sozialen Integration winziger Tierchen. Da fragt man sich doch mal, wer für die Zukunft der nächsten Jahrtausende besser gerüstet ist. Das allerdings ist eine Frage, die über Gabriele Oßwalds Projekt hinaus geht: Privat? Öffentlich? Kann der Mensch sich das Problem überhaupt noch langfristig leisten? Oder ist er schon dabei, über Bord zu werfen, was doch den Kern seines Wesens ausmacht?

 

Info:

zeitraum_ex!t Büro für Kunst e.V., Lange Rötterstraße 23, 68167 Mannheim, Tel. 0621-3709830, Fax 3709832, www.zeitraumexit.de

Die Galerie hat 2006 ihre Adresse geändert: zeitraumexit e.V., Hafenstraße 68-72, Kauffmannmühle, 68159 Mannheim, Tel. 0621-3709830/31, Fax 3709832, E-Mail: info@zeitraumexit.de.

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