Raumfahrt wozu?
Gedanken anlässlich einer Ausstellung


Flyer der Raumfahrt-Ausstellung im Mannheimer Landesmuseum für Arbeit und Technik. Zwischen September 2006 und Mai 2007 zog die Schau weit über 150.000 Besucher an. Vor allem Schulklassen nutzten das interaktive Prinzip und die begehbaren Modelle von Raumsonden.


Der Sowjetsatellit "Luna 10" wurde 1966 als erster künstlicher Satellit in eine Mondumlaufbahn gebracht und lieferte Erkenntnisse über die Zusammensetzung der oberen Mondschichten. Raumfahrt war seinerzeit aber vor allem auch eine Machtdemonstration: Zum 20. Parteitag der KPdSU übertrug der Satellit die kommunistische "Internationale" vom Mond zur Erde. In Mannheim war 2006/2007 die Originalsonde zu sehen. Foto: LTA/Luginsland


Eine Waffe? Gegen das Nichtwissen - die Harpune des Kometenlanders "Philae" auf der ESA-Sonde "Rosetta" soll sich 2014 in den Boden des 4 km großen Kometen Tschurjumow-Gerasimenko krallen, um dort wissenschaftliches Gerät zu verankern.
Foto: LTA/Luginsland

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04-11-2006

Rührend und utopisch zugleich

„Aufbruch ins Weltall“, das Mannheimer Landesmuseum 2006/2007 mit der bisher größten deutschen Raumfahrt-Ausstellung

 

Von Christel Heybrock

 
Seit knapp fünfzig Jahren gelingen uns Menschen schüchterne erste Schritte vor unsere kosmische Haustür: Am 4. Oktober 1957 schickten die Sowjets zum ungläubigen Entsetzen der westlichen Welt den aller ersten künstlichen Satelliten in eine Umlaufbahn: der "Sputnik" wurde zum Synonym eines Schocks, von dem sich vor allem die USA erst durch eigene Erfolge erholten. Mit der "Explorer"-Reihe (die den Van-Allen-Strahlungsgürtel im Magnetfeld der Erde nachwies) und später mit dem "Apollo"-Programm und der glanzvollen Landung von Menschen auf dem Mond ("Apollo 11", 1969) errangen die USA beim Wettrennen ins All die Führung. Die Russen, die nach frühen Erfolgen mit bemannten Orbitalflügen (so 1961 mit Kosmonaut Juri Gagarin) auf unbemannte interplanetare Missionen setzten, wandten sich dann ihrerseits einer Spezialität zu, auf der sie unüberholbar waren: den Langzeitaufenthalten auf Raumstationen in der Erdumlaufbahn. Die Raumstation "Mir" (=Frieden) und ihre geduldigen Kosmonauten wurden seit 1986 zum Symbol sowjetisch-russischer Raumfahrt schlechthin.

Fünfzig Jahre Raumfahrt - da kann man schon mal innehalten und durchaus mit Stolz zurückblicken. Aber weil gerade dieser Thematik ein ganz besonderer Antrieb innewohnt, geht der Blick von Raumfahrt-Fans zugleich in die Zukunft. Zukunft, Aufbruch ins Unbekannte, in unermessliche Weiten, das ist schließlich der Sinn der Raumfahrt, und so wurde aus einer Riesenausstellung im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit ein historischer Rückblick und eine zukunftsorientierte Bestandsaufnahme gleichermaßen. Und natürlich sollten mit über 400 Exponaten auf 2500 Quadratmetern Ausstellungsfläche nicht nur Leute angelockt werden, die ohnehin jeden Missionsstart fiebernd mit verfolgen, sondern vor allem Schüler aller Altersgruppen. Die können in der Ausstellung Experimente nachvollziehen, Ausbildung und Arbeitsbedingungen von Astronauten kennen lernen, Gleichgewichtstrainer und Neigungsbett ausprobieren oder unter Anleitung von Lehrern Drehimpulse und Satelliten-Steuerungssysteme berechnen. Mit andern Worten: man umwirbt den potenziellen Nachwuchs, will ihm vielleicht auch ein faszinierendes zukünftiges Berufsumfeld nahe legen. Denn einerseits steckt in der Raumfahrt ja immer noch eine atemberaubende Utopie - aber andererseits hat das Interesse einer breiten Öffentlichkeit spürbar abgenommen. Raumfahrt ist für Leute, die auf der Erde genug Probleme zu stemmen haben, etwas sehr Fernes, Überflüssiges, mittlerweile aber auch Alltägliches geworden; schließlich wird alle paar Wochen irgendein Satellit in den Orbit oder weiter hinaus ins All geschickt, lass die in ihrem wissenschaftlichen Elfenbeinturm doch machen, was sie wollen.

Das Problem ist nur, dass Raumfahrt zu den teuersten Unternehmungen überhaupt gehört und dass auch Steuergelder von Menschen dafür nötig sind, die gar nichts damit am Hut haben. Die großen Agenturen sind überall auf öffentliche Akzeptanz angewiesen und tun gut daran, desinteressierte Teile der Bevölkerung von Zeit zu Zeit wachzurütteln: auch diesen Zweck verfolgt die Ausstellung unausgesprochen. Aber kann sie das leisten? Sind die Exponate tatsächlich so fesselnd, dass nun ein Ruck durch die Freizeitgestaltung zahlloser Familien geht, dass Schüler wochenlang von Raketentechnik träumen und Leute, die bisher eher auf Fußballplätzen, in Opernhäusern und Kinos, beim Wandern oder am Stammtisch gesichtet wurden, sich nun plötzlich brennend für Raumfahrt interessieren? Wohl eher nicht ...

Die Schau hat zwar durchaus Passagen mit nostalgischem Witz (der chinesische Raketenstuhl aus dem Vor-Raumfahrt-Zeitalter gehört dazu), aber im Gegensatz zu einer Kunstausstellung sprechen die Exponate selten durch sich selbst, sondern repräsentieren technische Standards, statt an Emotionen zu appellieren. Die Exponate müssen also erklärt werden, wobei sich das Fehlen eines Katalogs unangenehm bemerkbar macht, den man hätte nachhause tragen können. Wer etwas lernen will (und hier gibt es jede Menge Lernstoff), muss schließlich Gelegenheit haben, sich immer wieder mit einer Sache auseinander zu setzen. Die Ausstellungsstücke wecken trotz aller Ästhetik (etwa mit "Sternenfolie" beklebter Fenster und toller Fotos vom Mars) und trotz etlicher Originale doch nicht jenen authentischen Eindruck im Kopf des Besuchers, wie er sich denn selber in der Ariane-Rakete fühlen würde, beim Außenbordeinsatz an der Internationalen Raumstation ISS oder auf der Mondoberfläche. Die Ausstellung kann vor lauter Technikbesoffenheit (die hier ja unentbehrlich ist) nicht vermitteln, dass gerade in der Raumfahrt die hoch technisierten Systeme kein Selbstzweck sind, sondern Vehikel, mit denen ständig neue Erkenntnisse vorangetrieben werden müssen. Zwar haben das Weltraumteleskop Hubble ebenso wie erdgebundene Großteleskope unglaubliche Fotos ferner Welten geliefert - aber die werden schnell zur alltäglichen Gewohnheit für Rezipienten, die mit visuellen Eindrücken ohnehin pausenlos überschwemmt werden. Wie also hätte das ganze Unternehmen organisiert sein müssen, um Augen zu öffnen und Bewusstsein zu stimulieren für das größte Abenteuer der Menschheit?
 


Original der Wostok-Raumkapsel von der Interkosmos 6-Mission 1972. In einer solchen Kapsel war Jurij Gagarin 1961 um die Erde geflogen. Auf dem Foto wird die Kapsel für die Ausstellung angeliefert und ins Mannheimer Landesmuseum gebracht. Im Gegensatz zur amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA, die sich mit Leihgaben außerordentlich zierte, stellten die Russen großzügig Originalobjekte aus ihrer Raumfahrtgeschichte zur Verfügung. Foto: LTA

Wahrscheinlich kann eine Ausstellung das überhaupt nicht leisten, wahrscheinlich ist eine noch so geschickt inszenierte Abfolge von Sälen, die mit Raketenoberstufen, Raumkapseln, Marsrovern oder Astronautenanzügen bestückt sind, überhaupt nicht geeignet dazu. Phantasie in den Köpfen von Menschen kann nicht erregt werden durch den Anblick der (einer zerschrammten Taucherglocke ähnlichen) Wostok-Kapsel, einem Raumschiff aus der Serie, in deren erstem Exemplar Juri Gagarin 1961 die Erde umrundet hatte. Phantasie kann nicht entstehen durch den kleinen Cola-Automaten, der 1996 die Astronauten des NASA-Shuttles Endeavour erfrischte, und schon gar nicht durch die Regale mit den anonymen Messgeräten auf der ISS. Vor allem Phantasie nämlich muss wach werden, wenn es gilt, Ziele und Ergebnisse von Raumfahrt zu vermitteln, und vielleicht wären Worte, wäre die Sprache neben den Bildern das kraftvollste Transportmittel. Ist es also Science Fiction, was hier fehlt?

Jein. Was sich, allem Erkenntniszuwachs der letzten Jahrzehnte zum Trotz, immer noch fern von unserem Alltagsbewusstsein im Kosmos abspielt, ist so unglaublich, so unvorstellbar und zugleich so real, dass kein Mensch es je erfinden könnte. Wenn Schwarze Löcher Materie einsaugen, wenn Sterne im Todeskampf kollabieren und später als Neutronensterne in ihrer Raserei so schnell rotieren, dass ein menschliches Auge die Bewegung nicht mehr verfolgen könnte - dann mag das zunächst für unsere Lebensperspektive irrelevant sein. Doch es ist die Selbsttäuschung von Ameisen, die ihren Haufen für den einzigen, zumindest den einzig bedeutenden halten. Auch Raumfahrt, bemannt oder unbemannt, ist nur Mittel zum Zweck weiterer Erkenntnis (das macht die Mannheimer Ausstellung nirgends deutlich). Hier stimmt der weise Satz einmal nicht, dass der Weg das Ziel sei; der Weg einer Raumsonde wie "New Horizons" zum Pluto dauert Jahre und ist auf langen Strecken ereignislos, damit am Ziel endlich die erhoffte Datenfülle gesammelt werden kann. Auch viel kürzere Wege von Raumsonden dauern freilich mitunter Jahre - durch Vorbeiflüge an anderen Himmelskörpern kann deren Gravitationskraft genutzt werden. Gravitation ist das geheimnisvolle Prinzip, das die Beziehungen naher Körper zueinander ordnet wie eine hoch ästhetische, geniale Choreographie.

Die Raumfahrt hat nicht nur unseren Blick auf die Erde und unser Verständnis von uns selbst verändert und wird dies noch viel intensiver in Zukunft tun. Sie wird uns vielmehr auch mit den Bedingungen unserer Existenz konfrontieren. Der Kosmologe John D. Barrow schrieb einmal, wir seien nichts anderes als Sternenstaub. So poetisch und realitätsfern das klingt: es ist nichts als nüchterne Wirklichkeit. Wasserstoff und Helium sind die häufigsten Atome im All. Woraus aber bestehen wir, besteht die Materie unserer Körper? Schwerere Elemente wie Kohlenstoff und Sauerstoff, Silicium, Schwefel, Magnesium und Eisen werden erst frei, wenn ein Riesenstern als Supernova explodiert und seine Materie ins All schleudert. Es gäbe uns und unsere Körperzellen nicht, ohne dass vor Milliarden Jahren in der Nähe des heutigen (damals noch nicht existierenden) Sonnensystems ein solches Drama passiert wäre. Lassen wir den sprichwörtlichen Ameisenhaufen noch weiter hinter uns und versuchen uns einem Ereignis zu nähern, das Wissenschaftler mit detaillierten, jahrelangen Forschungsreihen ergründen wollen - dem Urknall. Es gäbe weder uns putzige kleine Menschlein, die irgendwann von der kosmischen Bildfläche wieder verschwinden werden, noch unser Sonnensystem, unsere Galaxis und deren Nachbarschaft, es gäbe weder die leuchtenden Punkte am Nachthimmel noch ferne Galaxienhaufen und jene rätselhafte Hintergrundstrahlung aus allen Himmelsrichtungen, wenn nicht vor 13,5 Milliarden Jahren ein Etwas, das wir nicht kennen, irgendwie gezündet hätte und sich noch immer, wahrscheinlich unendlich, ausdehnt. Wohinein dehnt es sich aus, in welchen Raum und was ist dahinter? Nirgends hinein, sagen die Kosmologen. Es dehnt sich aus, so wie ein Schirm sich aufspannt, das Etwas dehnt seinen eigenen Raum, und darin haben auch wir unseren winzigen Ort.

Haben Sie alles verstanden, so dass Sie es sich vorstellen können? Es ist nur ein allzu grober Umriss dessen, wovon wir ein Teil sind. Fünfzig Jahre Raumfahrt, was für ein rührendes Schrittchen vor die Haustür! Die Raumfahrt als Verlängerung irdischer Teleskope hat sich aufgemacht, uns zu sagen, was da draußen los ist und woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen werden. Es sind die ewigen Fragen einer Menschheit, die sich endlich ihre Existenz erklären will. Versuchen kann man's ja. Versuchen müssen wir es, es gibt nichts Wichtigeres.

Info:
"Aufbruch ins Weltall. Abenteuer Raumfahrt", Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim, Museumsstrasse 1, vom 28. September 2006 bis 9. April 2007  (verlängert bis 6. Mai 2007), Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr, Mittwoch sowie Samstag/Sonntag und an Feiertagen 10-20 Uhr, www.landesmuseum-mannheim.de
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