Die Himmelsscheibe von Nebra

 


Die Bronzescheibe von Nebra, die weltweit älteste bekannte Darstellung astronomischer Phänomene, 1999 von Raubgräbern in Sachsen-Anhalt entdeckt und zunächst für einen Eimerdeckel gehalten. Die in alten Zeiten bereits mehrfach veränderte Scheibe, die in der frühen Bronzezeit um 1600 v. Chr. vergraben wurde, ist durch den langen Aufenthalt in der Erde von einer grünen Malachit-Patina überzogen und war ursprünglich schwarz. Die Himmelskörper und die halbkreisförmige Barke am unteren Rand sind aus Gold und in einem oberflächlichen Tauschierungsverfahren in die Scheibe eingelassen.
Foto: Copyright Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták

 

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15-03-2006/ Update März 2009

Kalender aus Bronze und Gold

Die Himmelsscheibe von Nebra im Zentrum einer Ausstellung mit Bronzezeit-Funden in Mannheim

 

Von Christel Heybrock 

 

Dass dieses Stück wirklich 3600 Jahre alt ist! Die Himmelsscheibe von Nebra, benannt nach ihrem Fundort in Sachsen-Anhalt, hat der Wissenschaft so manches Rätsel aufgegeben – nur ihre Ästhetik scheint bisher fast niemand interessiert zu haben. Dabei ist sie ja fast zu schön, um wahr zu sein. Ein zwei Kilo schweres Gebilde aus Bronze, 32 cm im Durchmesser, die Oberfläche patiniert in stimmungsvollem Grün, aus dem sich goldene Sterne, eine Sonne, eine Mondsichel und zwei (eigentlich drei) seltsame Kreissegmente herausheben – denkt sich der kleine Moritz nicht just so das Himmelsbild unserer Urahnen in grauer Vorzeit? Könnte dieser kernig anheimelnde, grüngoldene Teller nicht von einem Märchenbuch-Illustrator des 19. Jahrhunderts geschaffen sein, Umkreis Ludwig Richter oder so?

 

Der ästhetisch belastete heutige Zeitgenosse muss radikal umdenken: Die Scheibe ist echt, ein Zweifel nicht mehr möglich nach den Materialanalysen des neuen Mannheimer Zentrums für Archäometrie, das sogar die Herkunft des Kupferanteils in der Bronze (aus den Ostalpen) und die genaue Zusammensetzung der Goldteile eruieren konnte – neuzeitliches Gold ist das nicht, der Anteil von Silber mit 21 Prozent viel zu hoch (typisch für historische Goldobjekte aus Siebenbürgen), und die Bearbeitungstechnik ist eindeutig frühbronzezeitlich. Die Scheibe wurde geschmiedet, zwischengeglüht, um die durch das Aushämmern verursachte Materialspannung zu eliminieren, und die Goldteile wurden mittels Tauschierung eingesetzt, eine Art Metallapplikation, die aus dem östlichen Mittelmeerraum geläufig war und die der mitteleuropäische Kunsthandwerker etwas ungelenk nachvollzog: Die Tauschierung ist nicht perfekt, die Goldteile wurden nur an den Kanten in das Bronzematerial eingetieft und mit dem Aushub fixiert.

 

Wie alt genau die Scheibe ist, weiß niemand. In die Erde kam sie um 1600/1650 v. Chr. – zuvor könnte sie Jahrhunderte lang benutzt worden sein, denn ihr heutiges Aussehen erhielt sie offenbar in mehreren Stufen: Anfangs waren nur Sterne, Sonne und Mondsichel da. Eindeutig später wurden die drei goldenen Kreisfragmente hinzugefügt, wobei deutlich sichtbar zwei Sterne versetzt werden mussten. Noch später wurde die Scheibe ringsherum am Rand gelocht, was auf eine Fixierung zu vermutlich rituellen Zwecken hindeutet. Und bevor das wie der schwarze Nachthimmel leuchtende Gebilde (die grüne Malachit-Patina kam durch Korrosion zustande) aufrecht stehend vergraben wurde - offenbar als Götteropfer zusammen mit zwei kostbaren Schwertern, zwei Bronzebeilen, einem Meißel und zwei Armspiralen - ging bereits das goldene Kreisfragment am linken Rand verloren. Abgesehen von dem Krimi ihrer Entdeckung durch Raubgräber im Jahr 1999 und ihrer glücklichen Sicherstellung aus Hehlerhänden durch Polizei und clevere Museumsleute, abgesehen davon: die Scheibe wurde also benutzt? Von wem? Und wofür? Vor 3600 Jahren hat sich wohl niemand das gute Stück als Zierrat an die Wohnzimmerwand gehängt? Wer hat sie in Auftrag gegeben? Welche Notwendigkeit stand dahinter?

 


Der berühmte Sonnenwagen von Trundholm aus dem Nationalmuseum Kopenhagen. Das bekannteste Kunstwerk der nordeuropäischen Bronzezeit wird auf etwa 1400 v. Chr datiert. 1902 entdeckte ein Bauer beim Pflügen das in mehrere Teile zerbrochene Ensemble, das den Lauf der Sonne über den Tag und durch die Nacht symbolisiert: Die Rückseite der Sonnenscheibe ist nicht vergoldet, sondern schwarz.
Foto: Copyright Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták


 Es muss damals Menschen mit erstaunlichem Horizont geben haben; unsere Pauschalvorstellung, es könnten eigentlich nur Bauern, Jäger oder ein paar regionale Händler den europäischen Kontinent besiedelt haben, lässt sich nicht halten. Dass diese Vorstellung eher von unserer allgemeinen Unkenntnis zeugt als von der Wirklichkeit jener versunkenen Epoche, das kann man in der Wanderausstellung erfahren, die das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle aus rund 450 Exponaten der mitteleuropäischen Bronzezeit zusammengestellt hat. Es sind hoch ästhetische Stücke darunter wie etwa der berühmte Sonnenwagen von Trundholm, Keramikgefäße wie die verblüffend modern anmutenden Tassen der Aunjetitzer Kultur, Goldschmuck oder die unglaublich feinen, rätselhaften Ritzzeichnungen auf den bronzenen Rasiermessern des letzten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Und dass selbst unscheinbare Massenware wie Bronzeringe, Äxte, Beile, Dolche in meist ziemlich korrodiertem Zustand oder gar Unmengen von Bronzebruch Auskunft geben über jene Zeit und ihre Menschen, das lässt sich anschaulich (in leider arg kurzen Beiträgen) im Katalog nachlesen.

 


Die Fundgegend der Himmelsscheibe ist voller frühzeitlicher Dokumente im Boden. Nur etwa 20 km von Nebra entfernt wurden 1991 bei einer Luftbilderkundung in Goseck Spuren einer kreisförmigen Kultanlage von rund 70 m Durchmesser entdeckt. Die südlichen Tore der einstigen Palisadenanlage markieren präzise die Punkte von Sonnenauf- und untergang zur Wintersonnenwende am Beginn des 5. Jahrtausends. Bereits vor 7000 Jahren also müssen die Menschen Mitteleuropas astronomische Kenntnisse gehabt haben. Das Foto zeigt ein Modell (Modellbau: Herbert Eugen Wiegand).
Foto: Copyright Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták

 

Die Himmelsscheibe jedoch ist mehr als eine Besonderheit, sie ist ohne jeden Vergleich und bisher ohne erkennbares Vorbild. Die Scheibe ist auch mindestens 200 Jahre älter als vergleichbare ägyptische Zeugnisse. Zum ersten Mal kündet ein Fundstück von der Beziehung einer schriftlosen Kultur zum Kosmos, von einer Beziehung, die den Menschen wichtiger gewesen sein muss als die Entwicklung von Zeichen und Ziffern (auch über die faszinierenden Ansätze dazu informiert die Ausstellung). Der Archäo-Astronom Wolfhard Schlosser interpretierte die Scheibe als Orientierungsgerät fürs Erntejahr, und zwar als ein genau auf die Region zugeschnittenes Instrument. Er definierte die leichte Ballung von sieben Sternenpunkten  in der oberen Hälfte der Scheibe als Abbild des Plejaden-Sternhaufens, den unteren Goldbogen als Himmelsbarke und die beiden seitlichen Goldkantenstücke als Horizontbögen, die genau die Bereiche abdecken, in denen für einen Beobachter auf dem Mittelberg bei Nebra die Sonne im Jahresverlauf auf- und untergeht. Wenn man die Scheibe horizontal hielt, markierte der linke Horizontbogen den Bereich der Sonnenuntergänge, der rechte die Aufgänge. Die jeweiligen Endpunkte der Bögen bezeichnen demnach die Sonnenwendtage am 21. Juni und 21. Dezember. Schlosser sieht jedoch in der „Sonne“ eher einen Vollmond und gibt zudem den Plejaden die Hauptrolle auf der Scheibe:  Ihr Auftreten, beziehungsweise Verschwinden in der Abenddämmerung zugleich mit dem Voll- oder Sichelmond markierte den 10. März und den 17. Oktober – wichtige Termine für Aussaat und Ernte in einer bäuerlichen Gesellschaft.

 

Nur werden es wohl keine Bauern gewesen sein, die die Himmelsscheibe zur Hand nahmen oder gar herstellen ließen, und Bauern wissen um ihre Termine wohl auch ohne solches Gerät. Die Scheibe lässt vielmehr an priesterliche Würdenträger denken, die ihre astronomischen Kenntnisse womöglich als Instruktionen weitergaben. Die jüngste Interpretation durch den Hamburger Astronom Rahlf Hansen fand keinen Eingang mehr in das Begleitbuch: Er sieht in der Himmelsscheibe einen ebenso einfachen wie ausgeklügelten Kalender, der das Sonnenjahr mit dem (in arabischen Ländern heute noch gebräuchlichen) elf Tage kürzeren Mondjahr kombinierte. Auf der Scheibe, so Hansen, seien eben doch Mond und Sonne zu sehen statt, wie Schlosser vermutet, Voll- und Sichelmond. Aus einem babylonischen Keilschrifttext sei das Prinzip dieser Umrechnung auch bereits bekannt: In bestimmten Abständen musste ein Schaltmonat eingefügt werden, um heillose Verwirrung bei der jahreszeitlichen Orientierung zu verhindern.

 

Wenn im Frühlingsmonat (mit dem heute noch orientalische Länder das Jahr beginnen) die schmale Sichel des neuen Mondes bei den Plejaden stand, dann, so heißt es, begann ein Normaljahr. Stand aber im Frühlingsmonat der Mond erst am dritten Tag bei den Plejaden und dann bereits erheblich dicker im Umfang, dann musste dem Jahr ein Schaltmonat hinzugefügt werden. Aber nicht nur dieser Sachverhalt wird auf der Scheibe angedeutet. Laut Hansen spielt auch die Anzahl der 32 Sternenpunkte eine Rolle: In 32 Sonnenjahren vergehen 33 Mondjahre. Deutet man die Goldscheibe als Sonne, dann beziehen sich die 32 Sterne auf 32 Sonnenjahre. Interpretiert man sie dagegen als Vollmond, dann lässt sie sich den 32 Punkten hinzuaddieren und man hat die Zahl 33. Vor 3600 Jahren verschwanden die Plejaden rund 12 Tage vor Frühlingsbeginn in der Abenddämmerung. Waren sie dann noch zusammen mit der schmalen Sichel des jungen Mondes erkennbar, fielen Vollmond und Frühlingsanfang zusammen, so dass die Goldscheibe zugleich Sonne und Mond darstellt, während die Dicke der Mondsichel, die auf der Scheibe größer ist als der Goldkreis, auf die Notwendigkeit des Schaltmonats hindeutet.

 

Raffiniert und doch so einfach! Verfügten die Menschen der Himmelsscheibe über astronomisches Wissen aus Mesopotamien? Vielleicht. Offenbar verschob sich dieses Wissen aber im Laufe der Zeit hin zu anderen, lokalen Erfordernissen, denn die Anfügung der auf die Landschaft bei Nebra bezogenen Horizontbögen machte die Zahl der 32 Sterne zunichte. Und als schließlich die Scheibe rings am Rand gelocht wurde, war sie wohl längst vom Kalender zum abgehobenen Kultobjekt geworden, das in rituellen Prozessionen vorgeführt und endlich geopfert, sprich vergraben wurde. Ein Bedeutungswandel, der ebenso aufregend und dramatisch anmutet wie die Scheibe in ihrer Urform. Welche differenzierten Weltbilder, welche Auffassungen vom Menschen und seiner Stellung im Kosmos standen jeweils dahinter? Wir ahnen es nur und kommen doch nicht los von dieser Frage.

 

Info:

 

Die Wanderausstellung „Der geschmiedete Himmel – Die Himmelsscheibe von Nebra“ war zwischen 2004 und 2007 an folgenden Stationen zu sehen:

- 15. Oktober 2004 bis 22. Mai 2005 im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle

- 1. Juli bis 22.Oktober 2005 im Nationalmuseum Kopenhagen

- 9. November 2005 bis 5. Februar 2006 im Naturhistorischen Museum Wien

- 10.März bis 16. Juli 2006 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

- 29. September 2006 bis 25. Februar 2007 im Historischen Museum Basel (Barfüßerkirche)

- Seit 23. Mai 2008 ist die Himmelsscheibe von Nebra dauerhaft im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle ausgestellt.

Begleitbuch zur Wanderausstellung im Konrad Theiss Verlag, Stuttgart,  29,90 Euro

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