Archäo-Astronomie - die Erkundung der Zeit

 


Cover des Buches von Wolfhard Schlosser und Jan Cierny im Theiss Verlag über das astronomische Wissen der Menschen vor der Erfindung des Teleskops und der Entwicklung einer systematischen Wissenschaft. Das Foto zeigt die prähistorische Anlage Stonehenge, die von den Autoren als Sakralanlage, nicht als Observatorium definiert wird.

 

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26-06-2003

Ein Leben ohne Armbanduhr und Taschenkalender

Wolfhard Schlosser und Jan Cierny schildern, wie archaische Kulturen Ordnung in den Fluss der Zeit bekamen

 

Von Christel Heybrock

 

Stellen Sie sich vor, Sie erwachen eines Morgens in einer anderen Zeit. Sie wissen nicht, in welcher. Ihre Armbanduhr ist weg. Auch im Haus gibt es keine Uhren, keinen einzigen Kalender. Wie kriegen Sie heraus, wie spät es ist, welchen Tag, welches Jahr wir haben? Klar doch, Sie machen das Radio an. Oder rufen die Zeitansage der Telecom an. Aber nichts da – die gibt es natürlich ebenso wenig! Sie gehen auf die Straße und fragen einfach jemand. Und der kratzt sich den Kopf und sagt umständlich: „Also, ich glaube, wir sind im neunten Regierungsjahr des Königs Witzliputzli, aber was, bitte, ist eine Uhr? Wenn heute die Sonne scheinen würde, könnte ich Ihnen an dem Baum da drüben und an den Schatten überm linken Zweig zeigen, welche Stunde es eben wäre, aber ist das so wichtig?“

 

Sie sind es eigentlich gewöhnt, Minute für Minute, Stunde für Stunde bewusst zu erleben, die Zeit ist für Sie ein unablässiges Ticken von Sekunden, normalerweise wissen Sie, dass Sie in einer halben Stunde zur Bank gehen, in anderthalb Stunden beim Zahnarzt sein und um 16.30 Uhr die Kinder von der Musikschule abholen sollten. Und nun plötzlich sind Sie in einer Umgebung gelandet, in der Zeit nichts ist, jedenfalls nichts, was man spürt, was den Tag gliedert, die Woche, die Jahre. Zeit ist eine unsichtbare, unfassbare Substanz. Dass sie verrinnt, mit tödlichen Folgen, das sehen Sie und sehen alle anderen an der Tatsache, dass Kinder heranwachsen, Menschen sterben, Herrscher wechseln, dass es in steter, langsamer Wiederkehr mal Sommer und mal Winter ist. Furchtbar, diese lähmende Bewusstlosigkeit? Unerträglich?

 

Seit es Menschen gibt, gibt es das Bedürfnis, die Zeit zu definieren. Aber es war ein langer Weg bis zur Digitaluhr und der globalen Rundumversorgung mit einem sicheren Tagesdatum. Der Bochumer Astronomieprofessor Wolfhard Schlosser und der Prähistoriker Jan Cierny haben in ihrem Buch „Sterne und Steine“ beschrieben, wie Menschen sich von der Vorzeit bis hin zum Christentum mit der Zeit befassten und versuchten, sie zu gliedern, um sich in ihrem Leben zu orientieren. Dass die Archäoastronomie dabei nicht einmal beim Menschen anfängt, sondern dass bereits Pflanzen und Tiere erstaunliche Sensorien für den Stand von Sonne und Mond haben, ist den beiden Autoren ebenso ein kurzes Kapitel wert. Und da der Leser durch die Lektüre des Bandes selber lernen soll, archäologische Anlagen und Funde auf ihre astronomischen Beziehungen abzuklopfen, werden auch die verschiedenen Forschungs- und vor allem Datierungsmethoden der Archäologie vorgestellt – oft ist schließlich die alles entscheidende Frage, welches Alter ein bestimmtes Objekt haben könnte. Erst wenn das so genau wie möglich ermittelt ist, können astronomische Methoden mit einiger Sicherheit greifen, weil durch das „Eiern“ der Erdachse sich die Position von Gestirnen am Himmel schon über Jahrhunderte hin deutlich verändert, gravierender noch über einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden.

 

Als früheste Hinweise auf astronomisches Bewusstsein gelten Sonnensymbole auf Fundstücken, also beispielsweise konzentrische Kreise als Dekormotiv oder Goldscheiben aus der späten Bronzezeit. Dass konkrete Funde aber nicht viel aussagen über die Beschäftigung von Menschen mit Sonne und Sternenhimmel, dürfte aus noch ganz aktuellen Verhaltensweisen in archaischen Kulturen hervorgehen. Der Dorfkalender aus dem Hindukusch beispielsweise lässt vermuten, wie bereits vor Jahrtausenden die Bauern nicht nur dieser Region den Jahreslauf  gegliedert haben, aber er taugt nicht zur archäoastronomischen Überlieferung, weil er keine eindeutige materielle Hinterlassenschaft bedeutet. „Auf dem Hügel oberhalb des Dorfes waren zwei eng benachbarte Steinsäulen aufgestellt. Das war der Dorfkalender. Wenn die Sonne im Frühling zum ersten Mal durch die Öffnung zwischen den beiden Säulen hindurchschien, wussten die Leute, dass die Zeit des Pflügens und Säens begonnen hatte“, zitieren Schlosser und Cerny den Archäologen und Orientalisten W. Lentz, einen Pionier ihrer Doppel-Wissenschaft.

 

Hauptsächlich zwei Möglichkeiten der Bestimmung von Zeitpunkten im Jahreslauf hatten die Menschen der Vorzeit: Gnomon und Visur. Fällt beim Gnomon die Sonne auf ein bestimmtes Objekt und wirft dabei einen charakteristischen Schatten, so funktioniert andererseits die Visur, wenn die Sonne einen bestimmten Punkt am Horizont trifft – bei dem Dorfkalender handelt es sich also um eine Visur, während eine Sonnenuhr eine Art Gnomon darstellt. Dass aber vor 7000 Jahren die Leute von der Linienbandkeramik ihre Toten beispielsweise im Gräberfeld von Aiterhofen (Bayern) nach Osten ausrichteten, habe, so Schlosser und Cierny, bereits andere Methoden der Orientierung vorausgesetzt. Die Haupthimmelsrichtungen lassen sich nämlich nicht durch Gnomon und Visur ermitteln, sondern müssen mit geometrischen Grundkenntnissen abstrahiert werden – der „Indische Kreis“ mit seiner Möglichkeit, auf Gnomon-Grundlage die Ost-West-Richtung heraus zu finden, sei bereits in der Steinzeit bekannt gewesen, heißt es. Aber, so muss man hinzufügen, sicherlich nicht als Allgemeinwissen, sondern nur bei Priestern, Magiern oder Schamanen. Der Zusammenhang zwischen astronomisch-mathematischem Wissen und religiösen Vorstellungen war in alten Kulturen sicherlich sehr eng, und obwohl die beiden Autoren diesen Aspekt nicht systematisch untersuchen, ist er doch unverkennbar.

 

Die Zeremonialanlage Stonehenge mit der auf die Sommersonnenwende ausgerichteten Prozessionsstraße, das 3000 Jahre alte irische Ganggrab in New Grange, bei dem zur Wintersonnenwende ein Sonnenstrahl durch den Gang genau in die hintere Grabkammer fällt oder North Mull in Schottland, wo Berge in die azimutale Orientierung einbezogen wurden – sie alle künden davon, wie kosmische Abläufe nicht nur das Leben, sondern auch den Tod regierten und dass Menschen auch ohne Armbanduhr und Taschenkalender die Zeit gliedern konnten – sie dachten und empfanden dabei in größeren Intervallen und sicherlich mit einer mythischen Ehrfurcht, die uns weitgehend abhanden kam. Von den Externsteinen im Teutoburger Wald bis hin zu den australischen Aborigines (die vor 40 000 Jahren über eine Landbrücke von Asien her ihren Kontinent bevölkerten), von den kanarischen Guanchen bis hin zur hoch zivilisierten Palastanlage der persischen Könige in Persepolis haben Schlosser und Cierny die Beziehung von Menschen zu kosmischen Zyklen untersucht. Dass zu den faszinierendsten Beispielen dabei die europäischen Kreisgrabenanlagen des mittleren Neolithikums zählen, hängt vielleicht nur mit ihrem geringen allgemeinen Bekanntheitsgrad zusammen. Bei einem Durchmesser von bis zu 100 Metern und einer Tiefe bis zu 5 Metern, präzise gegraben noch dazu an abschüssigen Hängen, lassen sich diese erstaunlichen Bauwerke nur noch aus der Luft erkennen (falls sie nicht, wie bei der perfekten Kreisgrabenanlage von Bochum, mittlerweile zum Autobahnkreuz wurden). Astronomisch bedeutsam dabei sind vor allem die Tore, die jeweils nach den Winter- und Sommer-Sonnenwenden ausgerichtet wurden. Und dass selbst christliche Kirchen in Erfurt, Bamberg, Padua und andernorts in Europa eine bewusste astronomische Ausrichtung haben mit veritablen"Sonnenlöchern" - das dürfte im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit nicht verankert sein und bedarf eigentlich weiterer Forschung.

 

Für jeden, den das Thema interessiert, ist das Buch dank seiner globalen Perspektive Pflichtlektüre. Dass es mitunter etwas unsystematisch und in manchen Details auch angreifbar ist, muss man dabei hinnehmen – der Stand der Wissenschaft ändert sich schließlich  permanent, und gerade Wissenschaftler werden hier mit der Nase immer wieder auf völlig unerforschte Sachverhalte gestoßen. In einem eigenen kurzen Kapitel und zwei Anhängen wird der Leser mit der Praxis archäoastronomischer Feldarbeit vertraut gemacht, wobei er ermutigt werden soll, auch über bekannte archäologische Anlagen noch einmal selber nachzudenken. Archäologen haben in der Regel  keine Ahnung von Astronomie und die Astronomen sind meist archäologische Laien. Beide Wissenschaften zusammenzuführen, kann ungeahnte, neue Erkenntnisse möglich machen. Da sind auch Laien mit ihrer kritischen Fantasie gefordert.

 

Info:

Wolfhard Schlosser/ Jan Cierny: „Sterne und Steine. Eine praktische Astronomie der Vorzeit“, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1997, 178 Seiten mit zahlreichen Grafiken und Tabellen, 10 SW-Tafeln, 36 Euro,  ISBN 3-8062-1318-6. Das Buch ist mittlerweile vergriffen, gilt aber immer noch als anregendes Standardwerk der Doppeldisziplin. http://www.theiss.de

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